Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Das Schulwerk
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 670 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101163-3101173-3106182--4625-3106247- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
BEMERKUNGEN DAS SCHULWERK Es geht in Palästina mancherlei vor, wovon trotz aller Zeitungsberichte, nach außen nichts durchdringt. Die junge Entwicklung des hebräischen Schulwerks gleitet mit einem Ruck aus der Bahn, zerschellt vielleicht an harten Tatsachen. Selbst im Lande ermessen gewiß nur wenige die Tragweite und verstehen recht, was vorgeht. Die zionistische Organisation will die Lasten des Schulwerks abbürden, es sich selbst überlassen. Diese Maßnahme gefährdet das Schulwerk an seinem Innersten, weil Wesentlichsten. Die Schule war der vornehmste Faktor in der Sprachrenaissance, sie ist die Trägerin des nationalen Gedankens, sie ist daran, sich eine Schultradition, eine Lehrmethode für die neuen Fächer zu schaffen. Ihre Arbeit soll jäh unterbrochen werden. Um die werdenden Güter wäre es geschehen. Die zionistische Organisation wird vielleicht noch mehr Schaden nehmen an ihrem Wesen, an ihrem Ureigensten, wenn sie sich des Schulwerks entschlägt, wird, wenn sie nicht mehr für den Geist Sorge trägt, zu einem philanthropischen Verband herabsinken. Das palästinensische Schulwerk erfüllt hier gesamtnationale Aufgaben. Die zionistische Organisation erhält das Schulwerk, weil sie es gewollt hat und hat wollen müssen, weil eine nationale Kolonisation ohne Schulwerk nicht möglich ist. Das Schulwerk trägt die Funktion der Hebraisierung, es ist eine nationale Lebensbedingung. Es wird also gerechter Welse von gesamtnationalen Mitteln aufgebaut. Wer kann daran denken, kolonisieren zu wollen ohne Schulen? Selbst die JCA hat das nicht getan _ und sie war doch keine nationale Organisation. Die Einheit des Schulwerks ist kaum erzielt, die Bedenken der Orthodoxie wurden durch einen gerechten Ausgleich beseitigt. Diese Einheit wird in Trümmer gehen, die Schule wird zum Folitikum werden, verschiedene Schulgesellschaften werden um Einfluß ringen, sich Schüler und Schulen gegenseitig abjagen — wie vor der Einheit. Bei der jetzigen Schuleinigung hatten die Lehrer die Ruhe und das Gefühl der Festigkeit. Jetzt wird die Unruhe wieder einziehen, die Lehrer werden wieder die Almosenbüchse klingen hören und die Schaffensfreude verlieren. Die besten Lehrkräfte werden abwandern oder andere Berufe ergreifen. Das Schulwerk wird verarmt und verfallen dastehen. Die schönsten Schulen werden geschlossen werden. Die blühenden Kindergärten werden sich überhaupt nicht halten können. Kinder werden ohne Unterricht bleiben, andere in fremden Instituten oder Missions-Schulen Unterkunft suchen. Wer kann das Alles wollen? Es muß die Redewendung abgewiesen werden: Die Einwohnerschaft Palästinas soll das Schulbudget tragen. Ebenso könnte man sagen, die palästinensische Judenschaft solle alle Kosten des Aufbaues tragen. Das Schulwerk so gut wie die Einwanderung ist nicht für die Einwohner allein da, hier im Lande wird an der Zukunft des Judentums selber gebaut. Die Organisation der palästinensischen Juden soll das Schulwerk übernehmen? Das ist für alle Kenner der Verhältnisse ein Witz, aber kein guter. Ein Schulverein, der noch nicht da ist, soll das Schulwerk übernehmen — das ist eine recht unsichere Aussicht, und Versuche dieser Art haben schon fehlgeschlagen. Soll wirklich das Schulwerk zerstört werden? Wer wird die Verantwortung tragen, wer wird die Hand aufheben, das wertvollste Gut der zionistischen Organisation zu zertrümmern? Jerusalem E. M. Lipschütz