Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Die Kulturliga
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 545 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101163-3101171-3105923--4471-3106056- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Umschau: Brief aus London 545 an, ihr beizutreten. Es sollten alle Kräfte vereint werden, um in größerem Maßstab, mit bedeutenderen Hilfsmitteln versehen, in günstigeren materiellen Verhältnissen wirken zu können. Auf diese Aufforderung hin wurde eine Generalversammlung aller jüdischen Kulturorganisationen in Petrograd 1919 einberufen, die folgenden Beschluß faßte: die Gesellschaften sollten nicht aufgelöst werden, vielmehr, ihre Autonomie auch weiter wahrend, Sektionen einer einzigen, Theater, plastische Kunst, Musik, Literatur umfassenden Institution — der Kulturliga — bilden. Es kann nicht gerade behauptet werden, daß der Zusammenschluß und Beitritt zur Liga irgendwelche Folgen gehabt hätte. Die verschiedenen Gesellschaften führten auch weiter ihr eigenes Leben fort, nach außen hin am rührigsten erwies sich die Theatersektion, die sich ihre eigene Bühne (Das jüdische Studio) schuf. Die Kulturliga eröffnete in Petrograd eine Zweigstelle, sie berief Versammlungen ein, die von Vertretern der „neuen Sektionen" aber sehr schwach besucht wurden. Als in Petrograd das Projekt aufkam, eine allgemeine Enzyklopädie in jiddischer Sprache herauszugeben, bemächtigte sich die Liga seiner. Da sie vorwiegend aus Bundisten besteht, schieden andersdenkende Mitarbeiter zum Teil aus der Redaktion aus. Es erwies sich als eine beinahe unmögliche Aufgabe, geeignete Kräfte für das Sammelwerk, das alle Gebiete des Wissens umfassen sollte, zu finden. Der Literaturhistoriker Imberg, selber ein Chemiker von Beruf, äußerte berechtigte Zweifel, indem er sagte: Wo wollen wir hier bei uns die Gelehrten hernehmen, die berufen wären, über Chemie und Physik, über Mathematik u. dgl. zu schreiben? Man war ausschließlich auf das dürftige Personal der Jüdischen Volksuniversität angewiesen, auf Historiker und wiederum Historiker. In Moskau hat die Kulturliga mehr Anklang gefunden. , Ob die Liga berufen ist, ein bedeutender Faktor im jüdischen Kulturleben zu werden, wird die nächste Zukunft zeigen. R. Bernstein-Wischnitzer BRIEF AUS LONDON London bot in seinem jüdischen Aspekte in der letzten Zeit so manche bemerkenswerte Erscheinung. Dr. Israel Abrahams, Dozent der Universität Cambridge für Rabbinische Literatur, versuchte es, Shakespeare in jüdischer Spiegelung zu bieten. Sein Vortrag im King's College, der unter den Auspizien der Shakespeare-Gesellschaft anläßlich des Gedenktages des Rabbiners Simon Singer stattfand, war dem Thema „Shakespeare in Hebrew" gewidmet. Prof. Sir Israel Gollancz, Präsident der Shakespeare-Gesellschaft und eine angesehene Autorität auf dem Gebiete der Shakespeare-Forschung, führte den Vorsitz. Dr. Abrahams meistert den Vortrag in vollendeter Weise und erfreut sich großer Popularität. Seine Vorlesung über Dichtung und Religion, die im Frühjahr dieses Jahres auch in der Londoner Universität abgehalten wurde, versammelte ein zahlreiches und aufmerksames Auditorium. Der Shakespeare-Vortrag war nicht so breit angelegt, wie die inzwischen als Buch erschienene Vorlesung über „Dichtung und Religion"*), bekundete aber nichtsdestoweniger Abrahams' Vermögen, fernliegenden Ideenverbindungen und Entwicklungsgängen nachzuspüren. Abrahams wies auf die nicht uninteressante Tatsache hin, daß unter den Shakespeare-Forschern vier Juden einen vornehmen Platz einnehmen; und zwar der bereits erwähnte I. Gollancz, Sir Sidney Lee, Georg Brandes und James Darmesteter. Die Würdigung des großen britischen Dichters geht mit auf Moses Mendelssohn zurück, der in seiner Schrift „Über das Erhabene und Naive" Vertrautheit mit Shakespeare verrät und Stellen aus „Macbeth", „Hamlet" und „Romeo und Julia" übersetzt. Die erste hebräische Übersetzung eines Shakespeareschen Dramas (Othello) erschien im Jahre 1874. Dies ist ein ziemlich spätes Datum, wie Abrahams meint. Die hebräischen Schriftsteller der Mendelssohnschen Zeit beherrschten nämlich das Englische sehr mangelhaft und wandten sich daher mit Vorliebe der deutschen und französischen Literatur zu. Die Übersetzung des Othello stammte aus der Feder Salkindsohns, eines Juden, der zum Christentum übergetreten war, und der sich bereits einen Namen mit der Übersetzung des Miltonschen „Verlorenen Paradieses" gemacht hatte. Die Othello-Übersetzung fand Anklang in der jüdischen literarischen Welt. Smolensky schrieb einen begeisterten Brief an Salkindsohn, der das Vorwort zur hebräischen Ausgabe werden *) „Poetry and Religion", erschienen als die dritte „Arthur Da vis Memorial Lecture"bei George Allen und Unwin, London. — Das Vorwort ist von Sir Arthur Quiller-Couch, dem hervorragenden Literarhistoriker und Professor der Cambridger Universität, geschrieben, der den Vorsitz bei jenem Vortrag Abrahams* führte.