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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 8-9 · p. 544

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 8-9
Article
Einiges zum Kapitel Landespolitik
Date
1920-01-01
Page
544 (sequence 2)
Language
German
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544 Umschau: Die Kulturliga Bloßlegung der lebendigen wahren Wirklichkeit lebendiges Interesse und Opferwilligkeit geweckt, das Volk zu Taten hingerissen werden kann. Und so ist es zu erklären, daß wirkliche Arbeit für den Keren Hajesod. gar nicht geleistet wird. Vor lauter Politik kommt die "Partei einfach physisch — abgesehen von mangelndem tiefen Interesse — nicht dazu, fruchtbare Arbeit zu leisten. Ebenso ruht die gesamte Kulturarbeit (soweit die Offiziellen in Betracht kommen), auch die hebräische Bewegung ist ein schales, leeres Schlagwort im Munde der Führer. Sie können nicht Hebräisch, haben daher gar keine Beziehung zu dieser Quelle unseres nationalen Lebens und sind daher jener Impulse beraubt, die beispielsweise von der Arbeiterliteratur Erez Israels ausgehen. Da es ihnen an jeder, echten, tief innerlichen Beziehung zu den Kulturgütern unseres Volkes fehlt, kann es nicht wundernehmen, daß die Führer nicht wirken können: es fehlt am lebendigen Beispiel. — Die ganze Landespolitik ist Wahlpolitik, und , daher gibt es innerhalb der Organisation einen völligen Stillstand selbst auf den Gebieten, die das Leben im Golus zutiefst tangieren. Die Frage der Überführung unseres Volkes in produktive Berufe besteht für die Partei derzeit noch kaum als Schlagwort. Bei diesem Tempo der Entwicklung wird es nach Analogie der hebräischen Bewegung und der Anteilnahme an Erez Israel noch einer zwanzigjährigen Periode bedürfen, ehe die „soziale Umschichtung** auch nur ein Bestandteil der für feiertägliche Stimmungen nötigen erhabenen Schlagworte geworden sein wird. Es ist daher kein Wunder, daß ebenso wie die Palästina-Arbeit auch die Kultur- und Umschichtungsarbeit von außen, vom Nationalrat usw. gemacht wird. Man kann ruhig sagen, daß neben dem offiziellen Zionismus, der, abgesehen vom inhaltsleeren nationalen Bewußtsein und dem Namen, nichts mehr von der zionistischen Bewegung in sich hat, ein unterirdischer, neuer im Entstehen begriffen ist. Dieser junge Zionismus kann natürlich an dem heutigen, der alles, was die Seele erhebt und zu ernsten Taten antreibt, aus der Bewegung verbannt, keinen Gefallen finden. Und diese Unzufriedenheit hat eine gefährliche Übertreibung zur Folge: dieser junge Zionismus, angewidert von den Wahlkämpfen, bei denen selbst die Demagogie leider nur zu oft gut auf ihre Rechnung kommt, übersieht die Notwendigkeit der politischen Arbeit bzw. den Wert einer kraftvollen jüdischen Vertretung und enthält sich der Wahlen, die ihn ganz kalt lassen. Eine von den Führern zwar nicht gewollte, aber durch ihre Schuld erzeugte Wirkung ihrer Handlungsweise. Und die Folgerungen? Sie sind klar: Ein Zionismus, dessen Seele Zion und die Vorbereitungsarbeit für Zion ist, der von den Quellen der alten jüdischen Kultur gespeist wird, der auch im Golus seine Hauptaufgabe in der Überführung der Judenheit in produktive Arbeit sieht, wird auch für politische Betätigung Platz haben. Freilich wird diese dann auf den schöpferischen Kräften unseres aktiv lebenden Volkes beruhen, sie wird der politische Ausdruck dieser Kräfte sein, vom warmen Hauch des wirklichen Lebens durchzogen sein. Die Führer werden nicht nur Politiker sein und die Jugend sowie die anderen gesunden Kräfte der Nation werden an dieser Arbeit teilnehmen, weil die Arbeit ihre Arbeit, die Führer ihre Führer sein werden. Wohl uns, wenn die Führer diese Lehren aus den Wahlen werden ziehen wollen! Chaim Tartakower DIE KULTURLIGA Im Jahre 1918 war sie noch ein Losungswort, ein Programm, eine Andeutung. In den Kiewer Bundistenkreisen und überhaupt unter Jiddischisten wurde von ihr großes Wesen gemacht. Man erwartete von der Kulturliga die Reformierung — die in mancher Hinsicht eine Umwälzung sein sollte — des jüdischen geistigen Lebens. Diese neue Institution setzte sich zum Ziel, die literarische, künstlerische, wissenschaftliche und pädagogische Tätigkeit der Judenheit zu fördern und zu leiten. Es gab in Kiew bereits eine Schule, die im Sinne der Kulturliga geleitet wurde. Die Kinder bildeten eine Arbeitsgemeinschaft, sorgten selber für ihr Heim, das sie zu bewirtschaften und instandzuhalten halfen, indem sie selber mit auf dem Markt einkaufen gingen und die Zimmer aufräumten. Die Unterrichtssprache war Jiddisch. Als Kiew von den Bolschewiken erobert wurde, war die Kulturliga die einzige Einrichtung, die weiter wirken konnte. Während alle Kulturorganisationen brach lagen, die neu aufgepflanzten kommunistischen politisch orientierten Kultureinrichtungen aber nicht imstande waren, die geistigen Bedürfnisse der Volksmasse zu befriedigen, leistete die Liga wertvolle Arbeit. Einer ihrer Vertreter brachte nach Petrograd einige von der Liga herausgegebene Publikationen, darunter ein wunderschönes Bilderbuch, die Chad-Gadja, ein prächtig gelungener Versuch volkstümlicher Illustration. Die Kiewer Kulturliga trug den bestehenden jüdischen Kulturorganisationen in Petrograd

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