Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 5 (August 1916)
- Article
- Jüdische Volksmelodien
- Date
- 1916-08-01
- Page
- 345 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen 345 der Text die allerhöchsten Dinge, Gott und Ewigkeit, besiegt. Auch die „Stufenlieder* ' und andere Psalmen werden so vorgetragen. Diese „Märsche" sind also nichts Unheiliges, Banales, Militärisches, sie scheinen mir vielmehr sehr glücklich die feste entschlossene aufrechte Gangart einer gotterfüllten Seele zu symbolisieren. Man sieht gleichsam in unübersehbaren geschlossenen Massen die Heere gleichgesinnter Gottesstreiter heranrücken. Und ist es bei Mahler nicht derselbe Eindruck, wenn man näher hinhorcht? Ist es nicht im grandiosen Schlußsatz der II. Symphonie die unendliche Armada der den Gräbern entsteigenden Leiber, die zum jüngsten Gericht eilen, was Mahler im Marschtakt ausdrückt? — Oft wiederum bedeutet das ruhigere Schrittempo eine stille Freude, wie in dem unbeschreiblich schönen Sabbatliede „Jißmechu bemalchusscho." Es scheint, daß der Jude eine ganze Fülle verschiedenartig nüancierter Marscharten für ganz entgegengesetzte Gefühle bereithält. Nur dem Nichtjuden erscheint das als Monotonie, der Jude fühlt die Unterschiede. — Und noch andere Eigentümlichkeiten hat die chassidische Volksweise mit Mahlers Melodik gemein: gewisse zwischen Dur und Moll schwebende Meüsmen, sowie die Art, sich langsam in Bewegung zu setzen, zuerst denselben Ton einigemal zu wiederholen, für westliche Ohren eigensinnig oft, dann erst loszuschaukeln, in kleineren, bald gewaltigen Schwingungen. — Vielleicht wird man Gustav Mahler gerechter, wenn man ihn im Zusammenhang einer jüdischen Seelenstimmung betrachtet, als wenn man immer nur von der Tatsache, daß er „Des Knaben Wunderhorn** vertont hat, sich hypnotisieren läßt. Ich glaube, die ungeheuren Widerstände, die seine Kunst bei Publikum und auch bei ernster Kritik zu überwinden hatte, während die immerhin nicht viel leichter zu verstehenden Autoren Reger und Strauß sich viel schneller durchsetzten, — sie beruhen darauf, daß sein Werk zwar äußerlich recht deutsch ausschaut, den Instinkt aber undeutsch (und das mit Recht) anmutet. Von einem deutschen Blickpunkt aus erscheint dieses Werk daher inkohärent, stillos, unförmlich, ja bizarr, schneidend, zynisch, allzu weich, gemischt mit allzu Hartem. Es ergibt, deutsch betrachtet, keine Einheit. Man ändere die Perspektive, suche sich in Mahlers jüdische Seele einzufühlen; wobei es natürlich kein Einwand ist, daß in Mahlers Oberbewußtsein das Judentum keine große Rolle gespielt haben mag. Sofort ändert sich das Bild, Form und Inhalt stimmen, nichts ist vorlaut, nichts übertrieben, nur die bekannte Situation des Golusjuden hat neben dem urewigen Siegel allgemeiner Schönheit ihren besonderen Stempel beigedrückt. Ebenso geht es (nebenbei bemerkt), wenn man Heine nicht als deutschen Lyriker, Mendelssohn nicht als Klassiker der deutschen Musik, Meyerbeer nicht als italienischen Opernkompositeur und Offenbach nicht als Pariser Gamin auffaßt, sondern alle vier als große Söhne des jüdischen Volkes, deren Genius mit der spezifischen Judennot (nebst anderen Widerständen der Materie) zu ringen hatte. Es soll nicht gesagt sein, daß damit alles „Unechte" an diesen Autoren echt, alles Halbe zu einem Ganzen wird. Nein, aber in ihrer Totalität werden sie klarer, geradliniger, einfacher und manches falschklingende Detail kehrt plötzlich einen echten Herzensgrundton hervor. Bei Gustav Mahler, wohl dem größten jüdischen Kunstgenie der Neuzeit, ist ja auch vom strengsten Standpunkt aus kaum etwas zu korrigieren. Trotzdem ist die veränderte Gesamtansicht wohltuend einheitlicher. — Beim Klange ostjüdischer Volkslieder verstand ich mit einemmal, warum sein letzter Zyklus, das chinesische „Lied von der Erde", seine „Einsamkeiten" beklagen und die „Heimat** suchen gehen mußte, — „ewig, ewig» den Orient. Max ßrod «^5. 24