Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 5 (August 1916)
- Article
- Das Arbeiterproblem
- Date
- 1916-08-01
- Page
- 342 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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342 Bemerkungen Es würde sich also darum handeln, in ihn die Überzeugung von der zwingenden Notwendigkeit der Arbeit um ihrer selbst willen einzuwurzeln, ihn die Anstellung von teureren, vielleicht schwieriger zu beschaffenden und zu behandelnden jüdischen Arbeitern und Ähnliches als natürliche Pflicht empfinden zu lassen. Dies würde wohl auch gar nicht so schwer sein, denn selbst bei uns hier genügt, also ohne die Ehrfurcht vor dem heiligen Boden der Ahnen, oft das bloße Gemeinschaftsgefühl als vollkommen überzeugender Beweggrund bei der Wahl von Einkaufsstellen. Doch der Kolonist wird einen Zwiespalt spüren, ein wachsendes, vergebens immer wieder unterdrücktes Mißtrauen gegen sich und sein Tun wird ihn verwirren. Das Leben ist ja überall ohnedies voll Schwierigkeiten. Mißernten gibt es, Heuschrecken, Krankheiten der Angehörigen und der Tiere. Man schädigt sich durch Irrtümer, leidet unter Konkurrenz, Launen des Schicksals und der Menschen, Unfähigkeit der Angestellten, —- wie nahe liegt es da in verzweifelten oder nur ermüdeten Augenblicken dem schonungslosen rückschauenden Kritiker des eigenen Tuns, die den praktischen Vorteilen beharrlich abgewandte Treue gegen das Ideal lebensfremd zu finden und zu fürchten, daß vielleicht eben diese halsstarrige Prinzipienkonsequenz die volle irdische Verwirklichung des nationalen Traumes vereiteln könnte. Welchem Volk könnte man wirklich in seiner breiten Menge zumuten, wenn es auch schon auf seiner Scholle sitzt, Klima, Kultur und Sprache seines Landes als gewohnte Lebensluft atmet, einhellig als eingeborenes Eigentum fühlt, daß es, um sein Leben, dies geliebte, bewährte zu erhalten, auf die Dauer in unkaufmännischer Weise seinen Boden, seine Habe und Industrie behandle? Wo ist der nationale Staat, der nicht den Zollzwang brauchte, um Erzeugnisse — und wenn deren Erzeugung auch den Lebensnerv des Volkes beträfe — vor der Konkurrenz billiger arbeitender fremder Völker bei sich zuhause zu schützen? Das Gefühl, daß man sich selbst den Boden unter den Füßen wegzieht, wenn man den kürzesten Weg zum Erfolg mißachtet, ist zu gesund und natürlich, um ausgerottet werden zu können. Wenn ich als sehr Fernstehender, Unpraktischer und ganz Unerfahrener mir einen realen Vorschlag erlauben dürfte, würde ich raten, unter den palästinensischen Arbeitern und Kolonisten selbst durch regelmäßige kleine Beiträge (etwa in der Art des Auf baus von Pensionsfonds in Privatanstalten) ein Kapital zu gründen, aus dem, wo es unbedingt nötig ist, die Schwierigkeiten der jüdischen Arbeitgeber und -nehmer — die Unterschiede in der Entlohnung der jüdischen und arabischen Arbeiter z. B. — nicht ganz behoben, sondern nur gemildert würden. Es könnte dies dann nicht als die mit Recht so bekämpfte „Subvention" angesehen werden, da es eine gewissermaßen gegenseitige Hilfeleistung der Ansiedler selbst wäre und aus der wirtschaftlichen Kraft des jüdischen Palästina hervorkäme. Die Allgemeinheit, nicht der Einzelne kann da gründlichen Wandel schaffen, sagt ja auch Gordon. Aber noch etwas anderes scheint mir für Bildung und Bestand einer jüdischen Arbeitermasse notwendig, was bei unserm Volkscharakter nicht leicht zu erwerben sein wird: der gewisse Leichtsinn, jeden kommenden Tag für sich selbst sorgen zu lassen, und nicht nur immer greifbare materielle Bürgschaften schaffen zu wollen: „daß es die Kinder einmal leichter haben," seine Lebensbestimmung darin erschöpft zu sehen, daß man den Kindern die Arbeit in der bodenständigen natürlichen freien Gemeinschaft ermöglicht, jedes sich selbst und seinem Volke die Fruchtbarkeit seines natürlichen irdischen und geistigen Erbes wiedergewinnen darf. Diese teilweise Umwandlung unsres Volkscharakters kann nur bewirkt werden durch die Liebe zur Arbeit um ihrer selbst willen, durch die leidenschaftliche Hingabe an sie bis zum Fanatismus. Es ist die unentbehrliche Grundlage, der einzige Weg zu unsrer Konsolidierung, aber uns oder sonst irgend ein Volk in der erforderlichen großen Menge diesen Weg zu führen, erscheint mir freilich — wie ich gestehen muß — kaum leichter durchführbar als der Vorschlag, durch Verinnerlichung der Lebensansprüche und Steigerung des Verantwortungsgefühls aller Menschen die Möglichkeit des Krieges für alle Zukunft aus der Welt zu schaffen. Oskar Baum „Jude11 als Schimpfwort Es ist für die Judenkinder ein frühes und schwermütiges Erlebnis, wenn sie das erstemal auf der Straße oder in der Schule oder auf dem Spielplatz mit ihrem nationalen und religiösen Gemeinschaftsnamen als mit einem Schimpf beworfen und wenn sie dessen zugleich irme werden. Diese Rufe, meist verstärkt durch die Verquickung mit einem andern Schimpfwort, gehen häufig von größeren und stärkeren Kindern oder gar von einem Rudel von Halbwüchsigen aus, die zugleich eine drohende