Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Probleme des Judentums
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 436 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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436 Umschau: Philosophie Ethik, bei den Propheten, nach, bei welchen er den schweren Kampf zwischen Monotheismus und Freiheit, zwischen dem Dualismus von Natur und Wille einerseits und dem universalen Gott andrerseits fühlt. Es ist ein äußerst freier und tiefer Gedanke Seligmanns, daß er gerade in diesem inneren, nie gelösten Widerspruch im religiösen Fühlen der Propheten den Grund für die spezifische heroische Färbung ihres religiösen Temperaments findet. „Zwar machten sie keine Versuche, diesen Widerspruch irgendwie philosophisch zu lösen, aber sie fühlten ihn auf die schmerzlichste Weise, wie nur solche leidenschaftliche und wahrheitsliebende Gemüter es fühien konnten. Sie waren nicht diese salbungsvollen christlichen Heiligen, die sich bei der Liebe zu aller Kreatur beruhigten und mit der Gottheit in völliger Eintracht lebten. Sie haderten vielmehr mit ihr und zogen sie zur Rechenschaft. Der Kampf gegen die Natur verwandelte sich bei ihnen nicht selten in einen Kampf gegen Gott, den Urheber und Schöpfer dieser Natur, und die Anklage gegen das Böse in eine Anklage gegen die höchste Gewalt, die dieses Böse duldet . . So führt die Freiheit zu einer kritischen Komplizierung des religiösen Problems, die ihm aber erst die schöpferische Spannung verleiht. Eine wesentliche Milderung dieser Spannung versucht bereits das Christentum, das ein Nachlassen und Erschlaffen der religiösen heroischen Kraft des Judentums und seines dramatischen Ethos bedeutet. Für das Christentum steht nicht mehr das Persönliche, sondern das Seelische im Vordergrunde. Damit ist ein Gegensatz berührt, der eine der Hauptwurzeln von Seligmanns philosophischen Anschauungen bildet, und den er am klarsten in dem Aufsatz „Ethischer Impressionismus" durchführt. „Zwischen Persönlichem und Seelischem klafft ein tiefer fast unüberbrückbarer Gegensatz. Während eines der Hauptmerkmale der menschlichen Persönlichkeit in dem festen Zusammenhalten aller vereinzelten Daseinsmomente besteht, während das Bewußtsein von der Kontinuierlichkeit des psychischen Geschehens einen der wesentlichsten Züge dieser Persönlichkeit ausmacht, ist es gerade das Sporadische, Sprunghafte und Zuständliche, worin sich das Seelische am besten gefällt und am vorwiegendsten zur Äußerung gelangt. Auf der einen Seite — Zeit, auf der anderen Momentaneität, auf der einen — Geschlossenheit, auf der anderen — Punktuierung." Ich kann dieser psychologischen Studie nur auf das Entschiedenste zustimmen. Daß Seligmann im „Seelischen" das christliche Prinzip, im „Persönlichen" das jüdische erblickt, ist schon — historisch gesehen — eine riskante Vereinfachung; immerhin scheint mir aus heuristischen Gründen eine solche Schematisierung gestattet zu sein. Ob man aber auch, diese Ansicht weiterspinnend, den jüdischen als den moralischen und den christlichen als den künstlerischen Typus hinstellen kann, möchte ich schon bezweifeln, um so mehr, als die Theorie des künstlerischen Erlebens, auf welche Seligmann seine Ansichten aufbaut, mir nicht vollständig befriedigend zu sein scheint. Die Zweifel, die hier in dieser Hinsicht ausgesprochen werden, sollen die Bedeutung dieses Buches nicht verringern, welches nicht nur eine Fülle wertvoller und wohlbegründeter Erkenntnisse bietet, sondern auch durch die Art seiner klaren und lebendigen Sprache gee:gnet ist, in weitesten Leserkreisen aufklärend und im jüdischen Sinne erzieherisch zu wirken. Es ist eines der vielen, immer wiederholten Versuche, Lehre und Schrifttum des Judentums, Leben und Geist des jüdischen Volkes in ein Weltanschauungssystem zu bringen, das sich von dem des Christentums und der Antike klar abhebt. Man könnte mit Recht gegen alle diese Versuche einwenden, daß sie allzu verschieden ausfallen, um richtig zu sein. Aber diese skeptische Beurteilung ist nur vom historischen Standpunkt berechtigt. Der Versuch, aus allem historisch gegebenen Material eine Philosophie des Judentums zu konstruieren, wird wohl nie zu einem objektiv befriedigenden Ergebnis führen. Uns scheint aber wichtiger als die Frage: „Welche Philosophie des Judentums ergibt sich aus unserer Vergangenheit?" die Frage zu sein: Zu welcher Philosophie des Judentums befruchtet diese Vergangenheit? Die Geschichte unseres Geistes lebt und wirkt im jüdischen Denker und treibt ihn zu immer neuen Gedankenschöpfungen. Mag er dann das Resultat seines Denkens mit rückwärts gewendetem Antlitz verkünden, in Wahrheit wirkt er doch nur in die Zukunft und schafft an der Philosophie des werdenden Judentums. Er betrachtet den zurückgelegten Weg unseres Volkes, und indem er sich bemüht, seinen Sinn zu erfassen, wird er selbst zum Führer auf dem weiteren Wege. Felix Weltsch Berichtigung Durch ein Versehen ist in Heft s/6 auf S.281 der Verfassername Hans Kohn vor dem Titel des Aufsatzes „Das kulturelle Problem des modernen Westjuden*1 ausgefallen. Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Max Strauß, Berlin. — Jüdischer Verlag, Berlin, — Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig.