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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 4 · p. 247

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 4
Article
Ein hebräisches Gymnasium im Galuth
Date
1920-01-01
Page
247 (sequence 2)
Language
German
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Umschau: Berichte von jüdischer Erziehung 247 Das Städtchen hat also Tradition, vor allem hebräische, und diese war es auch, die den Grund für sein Gymnasium abgegeben hat: die Saat fiel auf fruchtbaren Boden, und so war es möglich, in verhältnismäßig kurzer Zeit, unter den denkbar schwierigsten materiellen und sonstigen Verhältnissen ein Nationalwerk zu schaffen, dessen Bedeutung über das rein Lokale weit hinausgreift. Die Aufgabe war hier gewissermaßen, für einen doppelten Anfang Arbeit zu leisten: den der hebräischen Form und den noch schwierigeren des zeitgemäßen Inhalts; denn Neuland sind ja beide, und bei beiden war äußerste Vorsicht geboten. Und mit noch einem Feinde hatte man zu kämpfen, mit der bei Anfängen allzu begreiflichen Verlockung nach dem punctum minoris resistenttae hin: der Übertragung der herkömmlichen Mittelschulroutine in Lehrweise und Lehrgegenständen ins Hebräische — eine Erscheinung, unter der die neugegründeten hebräischen Gymnasien besonders leiden. Glücklicherweise gehört dieser Kampf bereits der Vergangenheit an, und sicherlich der für immer überwundenen. Auch hier hat sich gezeigt, von welchem entscheidenden Einfluß die, Persönlichkeit des Leiters sein kann. Dr. Robinson hat es verstanden, zwischen dem abgelebten Alten und dem noch gärenden Neuen, Allzuneuen den Mittelweg einzuschlagen, den Weg harmonischer Verkettung des Jüdischen mit der Vorwärtsbewegung des Menschlichen, wobei Treibendes und Werdendes sich zu gegenseitigen Befruchtungsquellen entwickeln. Seinerzeit hat dieses Erziehungsideal Achad-Haam vorgeschwebt. Wirballen, dieses kleine litauische Städtchen, ist eine der ersten Illustrationen des Achad-Haamschen Gedankens. Unter diesem Gesichtspunkt werden hier sowohl die allgemeinen, als auch die rein hebräischen Fächer durchgenommen, und die Synthese zwischen beiden stellt sich als Selbstverständliches ein. Da in dieser Synthese das Hebräische naturgemäß das richtunggebende Moment ist, erzielt sie eine organische, natürliche nationalisierende Wirkung, gleich entfernt vom Fanatischen wie Chauvinistischen. Das Gymnasium besteht zurzeit aus zwei Vorklassen und fünf Grundklassen mit etwa 200 Schülern. Helle Kiassenräume, schuigemäße Einrichtung, biblische Bilder, Karten, Lehrmittel zur Naturkunde — alles wie üblich, und dennoch wirkt es hier, wo es noch den Reiz des in einer hebräischen Schule Ungewohnten hat, ganz besonders angenehm. Der Mangel an hebräischen Lehrbüchern wird hier zum Teil durch opalographische Vervielfältigungen ausgeglichen, zum Teil entwickelt sich aus dieser Not eine Tugend, indem sie das sinnlose Auswendiglernen verhütet und auch günstig auf die Ausbildung des Konzentrationsvermögens der Schüler wirkt. Besonders hervorzuheben ist die Liebe der Kinder zur Anstalt und ihre Anhänglichkeit an alles, was mit der Schule in Beziehung steht. Denkt man dabei an die wilden Schülerräte der Sowjetschulen oder an das Starre, Buchstabenhafte, das in Deutschland bis heute noch Lehrer und Zögling scheidet, so muß man diesen Geist des Wirballener hebräischen Gymnasiums besonders begrüßen. Auch er gehört zum Neuen und bildet die zweite Seite des Anfangs, der neben seiner Schwierigkeit auch die adelnde Weihe des Beginns in sich trägt. Schüler und Lehrer fühlen, die ersten instinktiv, die anderen bewußt, daß hier etwas Großes, Heiliges geschieht, das von unübersehbarer Tragweite für unsere Zukunft ist. Dieses Gefühl gemeinsamen Wirkens bindet Zögling und Erzieher aneinander und verdoppelt ihre Energie. Von den Lehrern der Schule wird Außerordentliches gefordert. Sie müssen mehr als Lehrer sein. Zur anstrengenden Schularbeit gesellt sich die anstrengendere, von der Sache erzwungene Arbeit des Neuschaffens, des Bahnbrechertums, und dabei müssen sie oft noch das Stroh für die Ziegel sammeln. Und Opfer bringen auch die Eltern, große Opfer sogar. Da eine große Anzahl von Kindern das Gymnasium unentgeltlich besucht, müssen nämlich die übrigen Eltern außergewöhnlich hohe Schulgelder zählen — in der 5. Klasse z. B. 1600 Mark jährlich für den Schüler. Und dennoch wird auch dieses Opfer gebracht — ein Zeichen, welche Popularität die Schule sich erworben hat. In der Tat, die hebraisierende Auswirkung des Gymnasiums im Städtchen durch Festspiele, Aufführungen der Schüler und vor allem durch das klingende hebräische Wort um den hebräischen Inhalt hat ihresgleichen nur in der anderen, in der russifikatorischen Wirkung der Vorkriegszeit, die ebenfalls vom Gymnasium aus die jüdische Gasse beherrschte — vom russischen Gymnasium. Wie nahe ist jene Zeit, und wie weit der Weg, den der hebräische Gedanke im Galuth seitdem zurückgelegt hat! J ehudi

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