Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Das Verhältnis zwischen jüdischer Palästina- und Landespolitik
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 230 (sequence 1)
- Language
- German
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BEMERKUNGEN Das Verhältnis zwischen jüdischer Palästina- und Landespolitik Schon vor dem Kriege hat das Verhältnis zwischen Landes- und Palästinapolitik zu denjenigen Fragen gehört, welche den positiv gerichteten Teil der Judenschaft am heftigsten bewegt haben. Aber durch die unausweichlich gewordene Intensivierung des jüdischen Lebens auf allen Gebieten, wie sie in den letzten Jahren immer deutlicher geworden ist, hat sich die Dringlichkeit der Frage noch bedeutend verschärft. Bei einer bloß feststellenden Beobachtung muß zugegeben werden, daß Palästinaarbeit und Landespolitik vielfach in einem praktischen Gegensatz stehen, zumindest soweit es die beteiligten Menschen betrifft. Die Leiter der jüdischen Landespolitik haben für die Palästinaarbeit selten viel übrig, und diejenigen, welche die Unentbehrlichkeit Palästinas für die jüdische Zukunft voll einzuschätzen wissen, stehen der Landespolitik meist skeptisch gegenüber. Ein besonders krasses Beispiel für den letzteren Typus ist Dr. Ignatz Zollschan in Karlsbad, der durch seine „Revision des jüdischen Nationalismus" eine Art von Berühmtheit erlangt hat, um die man ihn nicht zu beneiden braucht Nun rufen die einen: „Überschätzt nicht die lebensferne Palästinaarbeit; wenn das Judentum in seinen jetzigen Wohnländern politisch erstarken wird, wird es imstande sein, den Aufbau Palästinas als eine Nebenaktion seiner gesamten Gesundung durchzuführen." Und die anderen setzen dem entgegen: „Was wir hier tun, ist Stückwerk; Palästina allein wird uns die Kraft geben, gesund zu werden und die Positionen außerhalb Palästinas entweder abzubrechen oder auf eine wirklich gesunde Grundlage zu stellen..." Wenn man näher zusieht, findet man, daß die beiden angedeuteten, scheinbar so entgegengesetzten Standpunkte gar nicht so verschieden sind, wie man glaubt. Sie sind nämlich, im Grunde genommen — Ausreden. Wer glaubt, jüdische Landespolitik ohne Palästinaarbeit betreiben zu können, beschränkt jene auf Interventionen für persönliche Interessen von Juden und auf Mandatspolitik. Wer Palästinaarbeit will und dabei glaubt, die Landespolitik vernachlässigen zu dürfen, beschränkt jene auf jene Art von Geldsammeln für Palästina, die für eine Spende von iooo Mark alle Grundsätze des Zionismus zu verraten bereit ist. Wem aber der Kern der Landespolitik vor allem im Aufbau eines jüdischen Erziehungswerkes und einer weitblickenden wirtschaftlichen Hilfsarbeit zu liegen scheint, der wird den engen Zusammenhang dieser Landespolitik mit Palästina besonders im Hinblick auf das Erziehungswerk gar nicht übersehen können. Und wer versteht, daß Palästina von uns nicht nur Geld, sondern ebensosehr die geeigneten Menschen und den politischen Rückhalt braucht, der wird wissen, daß Palästinaarbeit ohne Landespolitik gar nicht ernst zu nehmen ist. Kurz gesagt: Palästinaarbeit als Geldsammeln und Landespolitik als Mandatsjägerei sind wirklich unvereinbare Gegensätze. Aber Palästinaarbeit in dem Sinne, daß das ganze Volk den Aufbau des Landes in Angriff nimmt, und Landespolitik in dem Sinne, daß die Judenheit des betreffenden Landes national und menschlich gesunden soll, sind nur zwei Seiten ein und derselben Aufgabe: der Wiedergeburt des jüdischen Volkes. Oskar Epstein Was nützt Philanthropie? Wien hat neben Warschau die größte Judengemeinde in Europa; sie ist aus Ost- und Westjuden zusammengesetzt, die gräßlichen Zustände innerhalb der Gemeinde können daher nicht auf eine dieser Gruppen