Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zwei Wundergeschichten
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 157 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101163-3101167-3105339--3969-3105384- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Zwei Wundergeschichten 157 aber war in eine Versunkenheit geraten, daß er nicht innehalten konnte, sondern weiter und weiter des Weges zog, bis er an ein großes, altertümlich gebautes und doch wie unberührt stehendes Haus kam. Da erst besann er sich, daß das Schiff auf ihn nicht warte; ehe er aber einen Entschluß fassen konnte, trat ein den Zügen und dem weißen Haupt nach uralter, doch noch ungebeugter Mann im Linnenkleid aus der Tür und begrüßte ihn mit den Worten: ,,Seid getrost, Rabbi Wolf, und verbringet den Sabbat mit uns; am Morgen danach werdet Ihr Eure Reise wieder aufnehmen können". Wie im Traum ließ sich der Rabbi von dem Greis ins Tauchbad führen, betete inmitten von zehn hohen alten Männern und aß in ihrer Mitte, traumhaft verging ihm der Sabbat. Am nächsten Morgen begleitete ihn der Uralte zum Strand, wo ein Schiff vor Anker lag, und segnete ihn zum Abschied; sodann aber — Wolf wollte eben eiligen Schritts die Landungsbrücke betreten — fragte er ihn: „Sagt doch, Rabbi Wolf: wie ergeht es den Juden in Eurem Land?" „Der Herr der Welt verläßt sie nicht", antwortete der Rabbi schnell und ging weiter. Erst als er auf hoher See war, klärte sich sein Sinn, er gedachte der Worte seines Lehrers, und die Reue überfiel ihn mit solcher Schwere, daß er die Reise ins heilige Land nicht fortzusetzen, sondern alsbald heimzukehren beschloß. Er befragte einen der Schiffsleute; aus seiner Antwort erfuhr er, daß er sich schon auf der Heimfahrt befand. Als Rabbi Wolf vor den Baalschem trat, sah ihn der traurig aber mild an und sprach: „Schlecht hast du unsrem Vater Abraham geantwortet. Tag um Tag fragt er Gott: ,Wie ergeht es meinen Kindern?* und Gott erwidert: ,Ich verlasse sie nicht'. Hättest du ihm doch von dem Leid der Verbannung erzählt!" Die Kraft der Gemeinschaft Es wird erzählt: Einst blieb am Abend nach dem Versöhnungstag der Mond von Wolken verdeckt, und der Baalschem konnte nicht hinausgehen, den Mondsegen zu sprechen. Das bedrückte ihn sehr, denn wie manches Mal fühlte er auch jetzt unwägbares Schicksal dem Werk seiner Lippen anheimgegeben. Vergebens richtete er seine tiefe Kraft auf das Licht des Wandelsterns, ihm zur Hilfe, daß er die schweren Hüllen abwerfe; so oft er aussandte, immer hieß es, die Wolken hätten sich noch verdichtet. Endlich verließ ihn die Hoffnung. Indessen hatten die Chassidim, die von der Kümmernis des Baalschem nicht wußten, sich im äußern Hause versammelt und zu tanzen begonnen; denn so pflegten sie an diesem Abend die durch den hohepriesterlichen Dienst des Zaddiks vollzogene Sühnung des Jahrs in festlicher Freude zu begehen. Als die heilige Lust höher stieg, drangen sie tanzend in die Kammer des Baalschem ein; bald übermächtigte sie die Begeisterung, sie faßten den verdüstert Sitzenden an den Händen und zogen ihn in den Reigen. In diesem Augenblick erscholl ein Ruf von draußen. Unversehens hatte sich die Nacht erhellt; in nie zuvor gesehenem Glänze schwang sich der Mond am makellosen Himmel.