Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Moses Mendelssohn
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 467 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Moses Mendelssohn 467 folgte, wie einst in Alexandria, die Herrschaft der Vernunft. Das Zeitalter des Überganges zieht herauf, des Überganges von der Sklaverei unter dem Ungeist zur Befreiung durch den Geist; es ist das Zeitalter des rationalistischen Individualismus, das Zeitalter der Aufklärung. Die Wirkung dieser Übergangszeit auf die Entwicklung des jüdischen Geisteslebens ist der typische Ausdruck der Eigenart dieser Zeit. Wie ein Jude zuerst die Parole von der Bezwingung der Leidenschaften durch die Vernunft ausgegeben hatte, nicht freilich der Leidenschaft wie die Zeit mißverstehend glaubte, so mißdeutend fand das Epigonengeschlecht seinen Propheten in der Nation, die das Handwerk der Vernunft bis zur Meisterschaft entwickelt, aber die Gewalt des Geistes, anders als ihr großer Sohn, seit den fernen Zeiten jener einzigen und wahren Prophetie nicht wieder in sich erfahren hatte. Die Aufklärung eröffnete von der Seite des Rationalismus her den Juden den Weg zum Menschentum; der Sieg der Vernunft war in der jüdischen Geschichte der erste Schritt zu dem Siege der Welt über das Ghetto. Von einer anderen Seite her aber, als Sieg des Kosmopolitismus, führte der Weg zur Menschheit. Die Emanzipation war die Folge, nicht die Ursache der Assimilation, wie sie andererseits dem Assimilationsprozeß eine neue Richtung gegeben hat. Und der Individualismus schließlich, der das Wesen jener beiden anderen Tendenzen ausmacht, der rationalistische und kosmopolitische Individualismus, ist der Grund, weshalb die Emanzipation nicht die Befreiung des jüdischen Geistes und also nicht die Befreiung der jüdischen Nation gebracht, die seelische Situation der Judenheit vielmehr durch neue schwere Konflikte kompliziert hat. Blieb aber sie zu lösen einer anderen Zeit vorbehalten, die durch den Irrationalismus des 19. Jahrhunderts hindurchgegangen war, so gebührt der Aufklärung das Verdienst, die Synthese des jüdischen mit dem Weltgeiste begonnen zu haben, und. der Mann, der den Tendenzen dieser Synthese in seinem Leben und Wirken Ausdruck lieh, ist Moses Mendelssohn. Mendelssohn gehört zu den Menschen nicht, deren Bild durch die Partei zu ihren Ungunsten gefärbt ist. Sein Bild muß vielmehr von denjenigen Retouchen gereinigt werden, die ein Epigonengeschlecht, das nur zu loben, aber nicht zu urteilen verstand, an ihm vorgenommen hat. Diese Zeit sah in ihm nicht nur den Weltweisen, sondern, ganz gegen seine eigene Auffassung, den Bahnbrecher einer neuen Epoche der jüdischen Geschichte. Mendelssohn kann als Bahnbrecher angesehen werden, wenn man für den Wegweiser geschichtlicher Entwicklung diejenige Persönlichkeit anzusehen geneigt ist, die den Tendenzen der Zeit dadurch Rechnung trägt, daß er sie ausspricht. Wer aber den Führer meint, der den neuen Weg geht, der neue Lebensordnungen dem Geiste unterwirft, der wird Mendelssohn für den großen Meister halten, für den Meister der Sprache, für den Führer nicht. Der Führer ist seiner geistigen Konstitution nach der Zeit immer entgegengesetzt, in der er lebt, weil die geistige Potenz in ihm zum überragenden Niveau gebildet ward. Mendelssohn war durchaus seiner Zeit konform, die Richtung seines Wirkens lag in ihrer Bahn, die Potenz seines Geistes erfaßte sie in ihrem weitesten Umfang. Wie sehr aber Mendelssohn Meister war, erhellt aus seinem Werdegang. Der mißgestaltete Sohn des armen Juden von Dessau, der genau zwanzig Jahre vor 30*