Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Moses Mendelssohn
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 466 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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466 Julius Levinsohn: stört, in der die Nation den Weg zum Volk hätte finden können. Spinozas Werk ist durchaus charakteristisch für den Gang der jüdischen Geschichte. Was uns Europa geben konnte, war nicht eine neue Tatsächlichkeit, sondern eine neue Erkenntnis. Aber das war groß genug. Denn aus dieser Erkenntnis ergab sich für uns die Entscheidung. Die Entscheidung in der neuen jüdischen Geschichte ist nicht plötzlich gefallen, sondern durch einen langen Assimilationsprozeß vorbereitet worden. Durch eine Assimilation formaler, funktioneller, nicht inhaltlich-substantieller Natur. Was in das geistige Ghetto des jüdischen Mittelalters eindrang, war nicht ein neuer Gehalt, sondern zunächst ein neues Gesichtsfeld. Wenn einst in Alexandria die Welt anstelle irgend einer nationalen Besonderheit trat, sich dort mächtig ein neuer, umfassenderer Lebenswille Bahn brach, und eine neue Einheit in einem tiefen, reinen Weltgefühi der Menschheit offenbar ward, so ließ das siebzehnte Jahrhundert, das die religiöse Befreiung abschloß und die geistige vorbereitete, die Welt neu dem um seine Autonomie ringenden Menschen erstehen, indem es die Welt selbst zum lebendigen Träger auch des göttlichen Lebens machte. Damit wurde Autorität und Entscheidung endgültig dem Menschen verliehen, wenn er nach einer neuen Ordnung gesstigen und so auch politischen Lebens verlangte. Diese neue Welt blieb dem Juden zunächst fremd, wenn auch ein Jude es war, der ihr in seinem System kühnen Ausdruck gab. Es war eben ein System, das zur Kritik aufforderte und verflucht wurde. Die frische Luft einer neuen Zeit wehte den Juden aus diesen Folien ebensowenig an, wie aus denen des Talmud. Unbewußt zwar ihm selbst, Schritt für Schritt vordringend, eroberte das Leben sich eine Stellung nach der anderen; in seine Seele aber drang kein Strahl, er blieb blind, der arme Knecht Gottes. Erst die Not des Daseins zwang ihn zur Entscheidung. Als an den Juden die Existenzfrage herantrat, da kam auch der innere Prozeß seines Menschwerdens zum raschen Abschluß, und die Entscheidung fiel nicht mehr durch ein System, sondern durch einen Kongreß. Diese Entwicklung der Dinge wurde wesentlich beeinflußt durch die eigentümliche Wendung, die die Geistesgeschichte im achtzehnten Jahrhundert nahm, und es ist überaus bezeichnend für die Möglichkeiten des jüdischen Geistes, daß sowohl die Strömung des achtzehnten wie die des neunzehnten Jahrhunderts auf den großen Juden des siebzehnten zurückgeht Denn der glühende Mensch, der sich hinter dem nüchternen Gewände des kalten Philosophen birgt, vermochte naturgemäß nicht beides zugleich der Welt einzuhauchen; den amor dei und den amor dei intellectualis. Was in ihm ein untrennbares Ganzes bildete, die Einheit von leidenschaftlicher Hingabe und durchleuchtender Erkenntnis, das konnte die Zeit, unreif zunächst für beides, erst nacheinander sich erringen und zu einer höheren Synthese in sich verarbeiten. War aber nicht die Frage nach der Wahrheit und Wirklichkeit Gottes die Frage der Zeit, seit Jahrhunderten schon; das Bedürfnis nach erkenntnismäßiger Erfassung der Gottheit übergroß geworden? War nicht auch des Klerus kluge Wissenschaft ständig bemüht gewesen, dieses Bedürfnis durch die beruhigende Eindringlichkeit des Dogmas rechtzeitig zu befriedigen, ehe einer kam und mit dem Geiste sich verband? Die Zeit war reif geworden für ein neues System; auf den blinden Glauben