Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Drei Geschichten von der Menschenliebe
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 429 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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_Drei Geschichten von der Menschenliebe .OA ------___;___4^9 Die Parteien Die Gattin des Rabbi Welwele von Zbaraz hatte einst einen Streit mit ihrer Dienstmagd. Sie vermeinte, die Magd habe ihr ein Gerät zerbrochen, und forderte Ersatz des Schadens; jene aber leugnete die Tat und weigerte die Buße. Der Streit erhitzte sich, bis die Frau erklärte, sie wolle das Schiedsgericht der Thora anrufen, und sich auch unverzüglich und eilig umkleidete, um den Rabbiner der Stadt, den „Vater des Gerichtshauses", aufzusuchen. Als Rabbi Welwele dies sah, zog auch er sein Sabbatgewand an. Auf die Frage der erstaunten Frau sagte er, er wolle mitgehen. Sie widersprach: es schicke sich nicht für ihn, und überdies wisse sie selbst, was sie vor dem Gericht vorzubringen habe. Der Zaddik antwortete: „Nicht doch, mein Weib; ich gehe nicht als dein Fürsprech, sondern als Fürsprech der armen Waise, deiner Magd, die nicht wie du weiß, was sie vor dem Gericht vorzubringen hat. Wer sonst als ich sollte sich ihrer Sache annehmen?" Der Feind Ein reicher und angesehener Mann in Nikolsburg war dem Rabbi Schmelke feindlich gesinnt und sann darauf, wie er ihn beschämen könnte. Am Vorabend des Versöhnungsfestes kam er zu ihm und bat ihn, sich an diesem Tage, da alle einander vergeben, mit ihm zu versöhnen. Zugleich brachte er ihm einen Krug sehr alten und starken Weins und nötigte ihn zum Trinken, da er wähnte, der Zaddik würde, solchen Weins nicht gewohnt, trunken werden und seine Schwäche der Gemeinde offenbaren. Rabbi Schmelke trank in seiner Gegenwart um der Versöhnung willen ein Glas nach dem andern. Der reiche Mann glaubte schon, sein Ziel erreicht zu haben und ging zufrieden nach Hause. Als aber der Abend anbrach und die Stunde des Gebetes nahe war, fiel der Schauer des Gerichtstages auf den Rabbi, und im Nu war jede Spur des Tranks in seiner Seele verflogen. Nach dem Abendgebet blieb Rabbi Schmelke mit anderen Frommen die Nacht über im Bethaus und sang wie in jedem Jahr die Psalmen vor, und die Gemeinde stimmte ein. Als er im einundvierzigsten Psalm an den Vers kam: „Durch dieses weiß ich, daß du an mir Gefallen rindest: mein Freund wird über mich nicht frohlocken", wiederholte er ihn Mal um Mal und übersetzte ihn sodann; aber nicht wie es üblich ist, sondern mit einer wundersamen Kühnheit und Unbefangenheit vor der Sprache übersetzte er: „Durch dieses weiß ich, daß du an mir Gefallen rindest: meinem Feinde wird um meinetwillen kein Übel widerfahren." Und er fügte hinzu: „Wenn es auch Menschen gibt, die mir feind sind und mich zu beschämen verlangen, vergib ihnen, Herr der Welt, und sie mögen nicht leiden um meinetwillen." Und das sprach er mit so gewalüger Stimme, daß alle Beter in Tränen ausbrachen und jeder das Wort aus der eignen Herzenstiefe wiederholte. Unter ihnen aber war auch jener reiche Mann. In dieser Stunde kam die Umkehr über ihn und die Bosheit fiel von ihm ab. Vor allen anderen Menschen aber liebte und ehrte er fortan den Rabbi Schmelke. Martin Buber