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Der Jude · 1916-07-01 · Heft 4 (Juli 1916) · p. 279

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 4 (Juli 1916)
Article
Zur Einwanderungsfrage
Date
1916-07-01
Page
279 (sequence 2)
Language
German
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Daten und Materialien 279 Wir ersehen aus dieser Zusammenstellung, daß in der Zeit von 1897 bis 1913 die Zahl der Juden um 636 000 gewachsen ist, d. i. um 48,1%, während im gleichen Zeitabschnitt sich die Zahl der christlichen Bevölkerung nur um 38,8% vergrößert hat. Die natürliche Volksvermehrung war bei den Juden kleiner als bei den Christen und weist eine Minderungstendenz auf. So z. B. sank die natürliche Zuwachsziffer der Juden im Jahre 1904 auf 17,6 vom Tausend und sank im Laufe von 4 Jahren auf 13,1 v. T., während sie bei den Katholiken im Jahre 1908 sich auf der Höhe von 17,1 v. T. erhielt und bei den Protestanten sogar 19,8 v. T. erreichte. Zieht man in Betracht, daß aus Polen jährlich durchschnittlich 8—10000 Juden nach Amerika auswandern, so kann man leicht ermitteln, daß von 1897 bis 1913 ungefähr 400 000 Juden nach dem Königreich Polen eingewandert sind. Der größte Zustrom an jüdischen Einwanderern entfällt auf das Petrikauer Gouvernement (11,6% im Jahre 1870, 16,2% im Jahre 1913)% Ferner stellen wir entgegen der üblichen Annahme, die insbesondere von polnischen National Ökonomen vertreten wird, fest, daß die Einwanderung der Juden nach dem Königreich Polen nicht als eine Folge des Bestehens des Ansiedlungsrayons aufzufassen ist. Hätte man in Rußland vor 20 Jahren den Ansiedlungsrayon aufgehoben, so würde trotz alledem der Zufluß der Juden nach Polen nicht abgenommen haben. Die galizischen Juden wandern nach Amerika aus, obgleich in Österreich kein Ansiedlungsrayon besteht. Die litauischen Juden, die zum Teil nach Polen statt nach Amerika auswanderten, hätten dies nicht tun können, wenn Polen, und namentlich das Warschauer und das Petrikauer Gouvernement, nicht infolge der ungeheuren industriellen Entwicklung im Zeitalter der großkapitalistischen Wirtschaft eine entsprechende Einwanderungskonjunktur erzeugt hätte. Die Berufung auf den An- *) Vergl.StatystykaPolski (Statistik Polens), Krakau 1915. S. 95. Rocznik Stat. K. P. (Statistisches Jahrbuch des Kgr. Polen) 1914, S. 10. Zeitschrift f. Demographie u. Stat der Juden, No. 7—9, 1915, S. 68. Die Zahlenangaben des Herrn Kaplun-Kogan, der eine niedrigere Ziffer für die Einwanderung der Juden angibt (266 400), sind unrichtig, da er die Veränderung des natürlichen Volkswachstums und die Auswanderung aus dem Kgr. Polen nach Amerika unberücksichtigt läßt. siedlungsrayon erklärt nicht, warum die Juden hauptsächlich in diese zwei Gouvernements einwanderten. Hier eben steckt der Kernpunkt der ganzen Frage nach der wirtschaftlichen Rolle, die die Juden während der Umwandlung Polens aus einem Ackerland in ein überwiegend industrielles und handeltreibendes Gebiet gespielt haben. Um dieses Moment richtig zu würdigen, muß man sich auch die große Bedeutung des Warschauer und des Petrikauer Gouvernements für das gesamte Kgr. Polen vor Augen halten. Am deutlichsten zeugen davon die nachstehenden Zahlen über die Verteilung der Handels¬ und Industrieunternehmungen.*) Im Jahre 1911 gab es insgesamt 380 großindustrielle Unternehmungen, von denen 304 auf die oben erwähnten Gouvernements entfallen; von 695 Großhandelsunternehmungen kommen 564 auf die beiden Gouvernements. Hinsichtlich der mittleren industriellen Unternehmungen ist das Verhältnis der Gouvernements Warschau und Petrikau zu der Gesamtzahl der Unternehmungen gleicher Kategorie 27:45, beim Mittelhandel 34 : 69 und endlich beim Kleinhandel 19 : 35- D*e große Überlegenheit der beiden oben erwähnten Gouvernements über die anderen ist augenfällig. Die Einwanderung der Juden in diese Gouvernements steht im engsten Zusammenhang mit dem außergewöhnlichen Aufschwung der Landesindustrie. Der ganze Export der Textil-, Konfektions- und Eisenindustrie, der ganze Transithandel zwischen Deutschland und Rußland, wie auch der Transport aus Rußland und Polen nach Deustchland (Getreide und Holz) liegt in den Händen von Juden. In der JLodzer Industrie, die 2/a des Exports der gesamten Landesindustrie ausmacht, nehmen die Juden den ersten Platz ein und zwar nicht allein als Unternehmer, sondern auch als Leiter und Werkmeister. **) Eine zweite Fabel, die von polnischen Volkswirtschaftlern verbreitet wird und gegenwärtig in einen gewissen Teil der deutschen Presse Eingang gefunden hat, versucht zu beweisen, daß das Kgr. Polen von Juden „überflutet* * und der Prozentsatz der Juden „abnorm" hoch sei. Ein flüchtiger Blick auf die nachstehenden Zahlen genügt, um den ganzen Bau vermeintlicher Argumente wie ein Kartenhaus in sich *) Rocznik Stat. K. P. 1913, S. 179. **) „Woschod" berechnet, daß im J. 1903 in den Fabriken des Kgr. Polens und Litauens von 4473 Werkmeistern 2919 Juden waren, und von 3725 Inspektoren 3287 Juden.

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