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Der Jude · 1916-07-01 · Heft 4 (Juli 1916) · p. 269

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 4 (Juli 1916)
Article
Briefe aus Warschau
Date
1916-07-01
Page
269 (sequence 1)
Language
German
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Bemerkungen 269 Briefe aus Warschau Erster Brief „Bildung" •) Wißt ihr, was „Jung-Juda" hier in dieser so schweren und kummervollen Zeit treibt? — Man bildet sich. Es ist seit langem und vielleicht noch nie unter den Juden in Polen solch ein Drang zur Bildung gesehen worden, wie in der letzten Zeit. Es wird viel Deutsch gelernt, aber nicht viel weniger Polnisch, auch das Hebräische wird fleißig getrieben, und das Jiddisch selbst ist eine Sache des Studiums geworden. Es lernt der Wohlhabende und der nur mittelmäßig Begüterte, und auch der Arme will darauf nicht verzichten; das Mädchen lernt ihr Polnisch klingender und schöner aussprechen, der junge Mann lernt sein Hebräisch besser und gründlicher verstehen, die Magd lernt ihr Jiddisch syllabieren und buchstabieren, und der Geselle arbeitet schwer daran, die Gesetze der jiddischen Rechtschreibung seinem Gedächtnis einzuprägen. Und alles müht sich, um das Deutsche verstehen und sprechen zu lernen. Aber nicht nur das Sprachstudium wird getrieben; man drängt sich auch zu den Wissenschaften. In den größeren Städten sind viele Abendkurse geöffnet worden, wo volkstümliches Wissen vorgetragen wird. So haben die jüdischen Sozialisten in Warschau ihren „Bildungsverein" und der Handwerker-Klub seine Vorlesungen, die zionistische Jugend hat sich in ihrem „Zentrum" (Merkas) konzentriert, wo systematische Vorträge gehalten werden, und die mehr demokratische Jugend hat ihre Sammelstelle in „Hasomir" gefunden, wo jetzt von einer Volkshochschule geträumt wird. Auch ernstere Lehranstalten sind entstanden, wie die Anstalt für „jüdische Wissenschaft" und Religionskunde, die durch den Rabbiner Dr. S. A. Poznanski begründet wurde, und die hebräischen Lehrer- und Fortbildungskurse, an deren Spitze S. L. Gordon, Hillel Zeitlin und andere stehen. Es sind auch spezielle Talmudkurse entstanden, wo ein Schüler von Professor Hermann Cohen den Talmud philosophisch beleuchtet und den Versuch macht, ihn kritisch zu zergliedern und seine Logik aufzubauen. Es sind auch spezielle Kurse für Vervollkommnung in der hebräischen Grammatik zustande gekommen. ^ntUias alles hat seine Hörer, seine zahlenden *) Dieser Brief ist im Mai geschrieben forden, dürfte aber auch jetzt noch von Interesse sein. (Anm. d. Red.) Hörer, einschließlich der durch den deutschen Schulrat eröffneten Lehrerfortbildungskurse, die eine jüdische Hörerschaft von etwa 1500 Menschen zählen. Die große Stadt geht darin der kleinen voraus, daß sie alles in größerem Maße besitzt, aber der Eifer für Bildung ist in der kleinen Stadt gewiß nicht geringer als in der großen. Dort wird noch gekämpft, es wird heiß und bitter gekämpft, die Kinder mit den Eltern, um jeden Lichtstrahl, um jeden freiem Hauch, und wo Kampf ist, da ist Arbeit, Anstrengung, Intensität. In vielen kleinern Städten in Polen, wo bis jetzt nur das Talmud-Studium in der veralteten Form getrieben worden ist, werden jetzt der Jugend neue Bahnen erschlossen und Wege gesucht, das „Licht" zu erreichen. Die Losung der Jugend ist hier jetzt überall: Licht und Bildung. Das. polnische Judentum, vielleicht das konservativste und traditionstreueste, hat im Kriege eine große Erschütterung erlitten, und auch sein Inneres wurde dabei erschüttert. Der polnische Jude ist konservativ, aber er ist nicht starrsinnig; er liebt es, gemütlich im Schatten der Tradition auszuruhen und sicher der Richtschnur der Überlieferung zu folgen, aber er ist von weicher Art und leicht erregbarer Natur. Wie der Pole selbst, so hat auch der polnische Jude seine phantastische Welt, in der er lebt und seine Träume spinnt; wie der Pole selbst, liebt er es nicht, in seinen Träumen gestört zu werden und haßt daher zuweilen die Wirklichkeit. Er ist höchst phantastisch, aber er ist kein Fanatiker seiner Phantasien. Die jüdische Jugend in Polen ist sehr bestimmbar und wird sehr leicht von einer neuen Idee ergriffen. Die westeuropäische Zivilisation, von der jetzt die jüdische Jugend etwas zu ahnen beginnt, reizt sie schon von ferne und weckt sie zu neuem Leben. Sie will nicht nur das viele Neue aufnehmen, sondern auch das längst Aufgenommene neu formulieren und auch dem Chaotischen Gestalt geben. Das ist der Sinn des Bildungsstrebens, das das Äußerliche wie das Innerliche, das allgemein Menschliche wie das spezifisch Jüdische umfaßt. F. Idelsohn Die Kriegswaisen In den mährischen Flüchtlingslagern wurden 1000 jüdische Waisenkinder gezählt; 18000 etwa irren — wörtlich -— in den Straßen der Städte und Dörfer Galiziens umher. Aus der Bukowina, aus Polen und Rußland ist noch nichts Genaues bekannt, aber zweifellos, wir

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