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Der Jude · 1916-07-01 · Heft 4 (Juli 1916) · p. 268

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 4 (Juli 1916)
Article
Lausanne / M. M.
Date
1916-07-01
Page
268 (sequence 1)
Language
German
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IRI
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BEMERKUNGEN Lausanne Der neueste Schauplatz im bunten Szenenwechsel der Ahasversage ist Lausanne. Aus dem Grauen der Schlacht, aus den versiegelten Evakuationswagen, in denen die Angstrufe der sterbenden Kinder verhallen, flieht Ahasver in die fiebrige Konferenzstadt Lausanne, um hier zusammen mit fünfundzwanzig anderen Nationalitäten im Namen der Gerechtigkeit und Menschlichkeit zu demonstrieren. „Niemand darf wegen seiner Abstammung, seiner Sprache oder seiner Religion belästigt werden oder aus diesem Grund eine untolerante, unhöfliche oder verächtliche Behandlung erfahren." Um dieser Resolution willen hat er sich unter die Vertreter all der Bedrückten begeben. Er hat sein romantischphantastisches Gewand mit einem einfachen europäischen Anzug vertauscht und — mitdemonstriert. Er hat für einen Augenblick vergessen, daß alle die fünfundzwanzig Völker zusammen der Welt nicht gaben, was er allein, und hat um tolerante, höfliche und nicht verächtliche Behandlung mitgebeten. Vergessen, daß alle die fünfundzwanzig Völker zusammen nicht so viele Schandpfähle, Scheiterhaufen und Gemetzel durchlebt haben wie er allein, und hat gegen eine „Belästigung" wegen seiner Abstammung, seiner Sprache und seiner Religion mitprotestiert. Obwohl seinem verletzten Weltgefühl nur ein apokalyptisches Weltgericht Genugtuung verschaffen kann, hat er doch in einem Saal mit vier Wänden und unter einem „Völkergenossen" als Vorsitzenden gegen „Zwangsaussiedelungen" mit seine Hand erhoben. Ein königlicher Greis unter jugendlichen Sturmgesellen hat er seine „wuchtigen, von geradezu dämonischer Beredsamkeit getragenen Anklagen" in drei konzentrierte Thesen zusammengerafft, deren beide ersten von in vollem Maß erfüllten Bürgerpflichten, dem Vaterland gebrachten Opfern, von dem teilweise anerkannten Prinzip der Gleichberechtigung sprechen, das folgerichtig zur Gewährung des „Rechtes auf eine kulturelle und soziale Autonomie für die Juden dort führe, wo sie in kompakten Massen wohnen". Und doch sind wir in tiefer Seele dankbar, daß Ahasver auch diese Demut in sich fand, dieses bescheidene Erdentum, dessen Gewandung so garnichts von dem Pathos des jüdischen Schicksals, von der Ekstase des „auserwählten Volkes" an sich trägt. Wir sind froh, daß nach der großen Lähmung eines zweitausendjährigen Fallissements der adlige Bankerotteur seinen unfruchtbaren Stolz bezwungen hat und sich der bürgerlichen Gesellschaft seines neuen Standes anschließt. Noch ist er scheu und befangen, noch schlägt er den Kragen seines Rockes über die Ohren, noch vermag sein aristokratisches Herz sich schwer mit den plebejischen Gewohnheiten seiner neuen Standesgenossen abzufinden. Aber er lebt und hat die Krise seiner Geistesverdüsterung überwunden. Das ehren wir an ihm. Seine dritte These aber erhebt Ahasver wieder über das Gleiche und Viele seiner Konferenzgenossen in die Einzigkeit und Isoliertheit seines Daseinssinnes. „Dort (in Palästina) wollen wir das jüdische Volk in dem Glänze aufleben lassen, der seiner Vergangenheit und der Kulturrolle entspricht, die es in der Geschichte der Menschheit gespielt hat." Über die günstige Gelegenheit eines wirkungsvollen gemeinsamen Notschreis der unterdrückten Völker hinaus wird das stolze Wort des großen inner jüdischen Geisteskampfes in das uniformierte Völkerchaos geworfen. Unter dem schäbigen Alltagsrock schimmert der Königsmantel, der für einen Augenblick unsichtbar sein sollte und doch nicht konnte. Aberson-Ahasver hat mit diesem Wort der Konferenz den tiefen leuchtenden Welthintergrund gegeben, ohne den ein wahrhafter Jude nicht zu leben vermag und den er auch einer Zweckverbindung nicht opfern kann. Sein altes Auserwähltheitsbewußtsein treibt ihn zur Durchbrechung des Prinzips der mechanischen Völkerverständigung. Die Presse stellte einmütig fest, daß <jef Höhepunkt der Konferenz die Rede des Juden war. M. M.

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