Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Die Notwendigkeit des Bösen
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 332 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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332 Ernst Müller: Die Notwendigkeit des Bösen DIE NOTWENDIGKEIT DES BÖSEN Sohar, fol. 203b—204a. Rabbi Jizchak begann seinen Vortrag mit Erläuterung des Schriftsatzes (Micha 5, 6): „Und es wird sein der Rest Jakobs unter den Nationen, im Innern der Völkermenge, wie Tau vom Allerhöchsten, wie Frühtropfen auf dem Gewächs, das nicht auf den Menschen hofft und nicht der Menschenkinder harret" Merke folgendes: Tag um Tag, wenn das Tageslicht aufsteigt, erhebt sich ein Vogel auf einem Baume des Garten Eden und sendet dreimal machtvoll seine Stimme hinaus zu den Lenkern der Völker: „Welche sind unter euch, die sehen und nicht sehen, worauf die Welt Bestand hat? Sie blicken nicht auf die Herrlichkeit des Herrn. Die Weisheit ist ständig vor ihnen, sie aber mühen sich nicht um sie. Besser, wenn sie nicht erschaffen wären, als daß sie ohne Vernunft bestehen! Wehe ihnen, wenn die Tage des Bösen kommen und sie aus der Welt drängen!" Was bedeuten „die Tage des Bösen"? Solltest du darunter die Tage des Greisenalters verstehen, so ist dem nicht so, denn diese sind doch, wenn der Mensch auf Kinder und Kindeskinder herunterblicken kann, „Tage des Guten". Die „Tage des Bösen" werden genannt in dem Schriftsatze (Koh. 12, 1): „Und gedenke deines Schöpfers in den Tagen deiner jungen Manneskraft, bevor da kommen (könnten) die Tage des Bösen!" Der geheime Sinn aber davon liegt im Folgenden: Als der Allheilige die Welt erschuf, erschuf er sie in den Buchstaben der Thora. Jeder Buchstabe stieg vor dem Schöpfer auf, und sie traten in alle möglichen Verbindungen miteinander, bis alle ihren Bestand fanden im Buchstaben „Beth"*). Als aber hiebei der Buchstabe „Teth"**) mit dem „Resch"**) sich paaren sollte, stellte sich Teth zur Seite und mochte sich nicht beruhigen — bis der Allheilige es zurechtwies und sprach: „Teth, Teth, warum stellst du dich zur Seite und bist mit deinem Platze unzufrieden?" Da antwortete der Buchstabe: „Hast du mich nicht zum Haupte des Wortes ,gut* gemacht, und die Thora selbst setzt in den Urbeginn die Worte: ,denn es ist gut* — und jetzt soll ich mich mit jenem Buchstaben, der das Haupt des Bösen bildet, gesellen?" Darauf sprach Gott zu ihm: „Kehre an deinen Platz zurück, denn du bedarfst des ,Resch*. Denn der Mensch, den ich im Begriffe bin zu erschaffen, wird durch euch beide vollendet als Einheit, du aber sollst zu seiner Rechten und das ,Resch* zu seiner Linken sein." Und so kehrten sie beide an ihre Stelle zurück und gesellten sich zueinander. In jener Stunde aber hat der Allheilige zwischen beiden geschieden und jedem von ihnen seine Tage und Jahre, gesondert, die einen zur Rechten, die anderen zur Linken, erschaffen. Jene sind genannt „Tage des Guten", diese „Tage des Bösen". Darum sagt König Salomo: „ehe da kommen die Tage des Bösen", das sind jene Tage, welche den Menschen umkreisen als die Folge seiner Sünden. Und damals, als die Tage des Guten und die Tage des Bösen erschaffen waren, kehrten jene Buchstaben zu ihrer Versöhnung zurück, um im Menschen ihre Vereinigung und Vollendung zu erfahren. Darum auch sagt König David (Ps. 49, 6): „Warum soll ich fürchten in den Tagen des Bösen, wenn mich die Schuld meiner Spuren***) umgibt?" Deutsch von Ernst Müller *) Beth ist der erste Buchstabe der Bibel (im Worte ,.Bereschit"). **) Mit dem „Teth" beginnt das Wort „tob" (gut), mit dem „Resch" das Wort ,,ra'" (böse). ***) Luther übersetzt: „wenn mich die Missetat meiner Untertreter umgibt". Die hier gegebene Übersetzung schließt sich der Deutung des Sohar an: die in meinen Spuren fortlebende Schuld.