Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Die revolutionäre Jugend des Ostens
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 305 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Die revolutionäre Jugend des Ostens 305 und erbarmungslos werde, die keine weniger geglühte und gehämmerte Menschart auszuüben stark genug sei; Terror aus Güte, Blutvergießen aus weiser Erbarmung ... es ist viel „Altes Testament" in dieser Haltung, die uns schauerlich dünkt und verfehlt, aber es ist ein großer Blick auf Geschichte und Ethik vonnöten, damit dieser Typus sich selbst konzipieren könne. Aber es wäre grenzenlos ungerecht, mit diesem Aspekt von der heutigen ostjüdischen Jugend scheiden zu wollen, und wir scheiden so nicht. Ein vergangener Abend belebt sich wieder. Gewitter steht heute über der Erde; grellweich schnellt Lichtblau in die Nacht, Blitzbäume wachsen augenblicklich schweigend und stürzen krachend ein, als schmettere ihr Fall durch die Kruste dieser Glutblase ins Magma . . . das ist die Zeit, da lebten wir Julinächte der Geselligkeit. Wenn der Regen ans Fenster sauste wie jetzt und vielleicht Duft aufstieg von den gemähten Wiesen wie jetzt, rund um die Stadt wie Atem eines singenden Sterns; wir aber spürten's nicht bei verhängtem Fenster, damit unser verbotenes Mitternachtslicht nicht Patrouillen rufe und Polizei; Trunk, Rede, Lachen, Tänze um die Tische: und die Lieder! Die Lieder! In deren Melos Geruch und Wehmut alter Weisheit, die Süße großer Weisheit war wie in altem zartem Wein; von Gemeinschaftsliedern mit Kehrreimen in denen, da heute der heilige Sabbath ausging, und wir feierten Hawdoloh bis nach Mitternacht, die gute Woche herbeigewünscht wurde; bis zu den verzückten Liedern, die trunken von Gott und vom Gottsuchen im Abschwellen der Strophe nur noch Du! Du! stammelten. . . und zu jenen revolutionären Gesängen, unter deren gefaßt mannhaftem Klang ganze Gefängnisse zum tapferen Tode, zum aufrechten jüdischen Tode für die Idee — und nicht für die Macht! für den Menschen — und nicht für Herrscher! einsam am schweigenden Galgen — und nicht im besinnungslosen Trab durch Sperrfeuer in der Kolonne der Kameraden, mit der Aussicht auf Rettung — geschritten waren. Solch Gefühl, welche Lieder: alle Quellen rissen sie auf! Gewitter über der Welt! Man kam von endlosen Monaten Verdun; man hatte Serbien auf dem Altar gesehen, Lille in der Besetzungs-Erdrosselung: und da rieft ihr auf! Scharen von Seelen — Scharen von revolutionären Gesichtern im Blitzbaum hängend wie triumphierende Früchte: in diesen Liedern standet ihr da, jüdisches Volk. Ihr hattet die Rettung. Ihr wart jung, euer Glauben reichte nicht allein an die erneuende Zukunft des Volkes in dem alten Lande — dorthin auch der westliche gereicht hatte — sondern an die erneuende Revolutionszukunft Europas, an den Sozialismus auf der Erde. Und obwohl wir heute Verschiedenes darunter dächten: seit euren Liedern reicht auch der meine dorthin. Kehren wir zurück. Gesang, Gesang. Junge Juden, aus denen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft singen wie weissagende Nebel aus jungen Rissen des alten Felsens Dauer: formende Kraft geht von euch aus. Nicht allein die Stimmen, die Körper sangen, und sangen mich um. Je und je, singend, entgeht ihr eurer persönlichen Ichverhaftung und taucht zurück ins Sein des Volkes, welches eines ist, ob es auch wechsele. Dann werdet ihr, just aufgetauchte Welle, Geschenk der Dauer: indem ihr euch mit allem Rückwärtigen verbunden fühlt und ohne es Nichts wäret, besteht euer Sein im Vorwärtsgehen und darin erfüllt ihr eure Gegenwart. Ihr seid ein Stück geborener Melodie — Musik, deren Metaphysik im Willen der Welt zur Zukunft beschlossen ist. Lustnau Arnold Zweig Heft 7 20