Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Ein Talmudlehrbuch [Rezension]
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 240 (sequence 1)
- Language
- German
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BÜCHERSCHAU Ein Talmudlehrbuch*) Schon lange gilt die Sorge der Wissenden dem Schwinden des Talmudkönnens. Im Talmud spricht zu uns ein Jahrtausend jüdischer Produktivität unmittelbar und lebendig und alle Literatur nach ihm ist nur aus ihm heraus verständlich. Kein neuhebräisches Werk ist voll und ganz verstanden ohne eine gewisse Kenntnis des Talmuds — bis zu den Jüngsten hinab. Keine Wiedergabe, keine Darstellung kann hier die Kenntnis der Quellen ersetzen. Man sah daher mit Schrecken die Kenntnis der talmudischen Quellen sich vermindern, auch in hebraistischen Kreisen. Eine ähnliche Sorge beschleicht die Träger der jüdischen Wissenschaft und alle die, welche lebendiges quellenhaftes Judentum wollen. In beiden Fällen wird mit dem Aufhören des Talmudkönnens die Zukunft gefährdet. Es entstanden schon mancherlei Chrestomathien und Lehrbücher, aber alle hatten den Nachteil, daß sie, um den Talmud zu lehren, ihm sein Wesen raubten; diese ärmlichen Auswahlstückchen mit Vokabeln und Sätzchen waren dem Talmud auch nicht wesensverwandt. Alle waren sie kindisch und langweilig. Dieses Talmudragout war nicht Talmud und konnte die Kenntnis des Talmud nicht vermitteln. Vorliegendes Buch Czernowitzs ist trotz des Namens keine Chrestomathie, kein Auswahlbuch mit zerhackten Talmudstückchen, es ist der Talmud selbst, der sich selbst lehrt. Es kennzeichnet die alte Methode des Talmudlernens im Cheder, daß man vom ersten Augenblick an aus dem Talmud selbst lernte. Dieser alten Forderung wird dieses Buch gerecht: der seinem Wesen nach unveränderte Talmud soll zum Talmud führen. Der Talmud wird hier geboten wie er ist, nicht wesensverändert. Eine gewisse geringe Umstellung des Stoffes verfolgt augenscheinlich pädagogische Zwecke. Der Stoff wurde zusammengezogen > die einzelnen Abschnitte sind geschlossener; so soll dem Anfänger die Übersicht erheblich erleichtert werden. Diesem Zwecke dienen auch die wenigen Streichungen, die vorgenommen wurden und den Zusammenhang unterbrechende Stellen, nur assoziativ Dazugehöriges, betreffen. Der Talmud verliert in dieser Ordnung etwas vom Dickichtartigen, welches wohl seinen Reiz ausmacht, aber dem Anfänger das Eindringen unmöglich macht. So hat die Anordnung des Stoffes wohl hauptsächlich pädagogische Ziele; wenn auch gewisse systematische Prinzipien mitunter zur Geltung zu kommen scheinen, so *) Dr. Ch. Czernowitz: Kizzur Ha-Talmud. I. Band, Lausanne, 1919. ist es wohl ein unbeabsichtigtes Nebenergebnis. Das Schwergewicht der Arbeit liegt aber im Kommentar. Der Kommentar ist es, der das Buch zu dem macht was es ist. Mit diesem Kommentar kann jeder, der ein mäßiges hebräisches Wissen hat, Talmud lernen; es ist zu erwarten, daß jetzt die Autodidakten im Talmud sich vermehren werden. Dieser Kommentar ersetzt einen vorzüglichen Talmudlehrer. Rein sprachliche Schwierigkeiten sind durch wortweise Übersetzung beseitigt, Terminologie ist immer wieder erklärt, Realien sind weit ausgeführt, dem Verständnis des Gedankenganges nachgeholfen, alle Schwierigkeiten beseitigt. Für eine gewisse Klasse von Hebräischverstehenden ist es einfach das gewünschte Buch, auf das sie gewartet haben. Der Wert des Kommentars erschöpft sich übrigens nicht im Pädagogischen. Der Kommentar folgt nicht immer dem rezipierten Raschikommentar, er geht sehr oft eigene neue Wege, manch neue Erklärung fällt ab, die freilich nur dem Wissenden auffällt. Die Wissenschaft wird das Neue einzuheimsen haben. Auch die ganze Methode des Kommentierens ist neu und modern, wissenschaftlich und was noch mehr ist — talmudisch. Es sind hier drei Traktate geboten: Berachot, Rosch-ha-schana, Joma. Jedem geht eine sehr wertvolle ausführliche Einleitung voran. Dem Berachot-Traktat wird eine Geschichte der Stammgebete vorausgeschickt, welche die Ergebnisse zusammenfaßt. Dem Rosch-ha-schana- und Joma-Traktat eine ausführliche Untersuchung über Geschichte und Wesen des Neujahrs- und Versöhnungsfestes und des jüdischen Kalenders, die manch Neues bietet und bemüht ist, eine mittlere Linie einzuhalten. Mit manchen dieser Ausführungen könnte man von verschiedenen Standpunkten sich sehr verschieden auseinandersetzen. Für jeden Fall ist in den Einleitungen sehr viel Schönes geboten. Am Schlüsse des Bandes noch eine eminent deutliche Erklärung des jüdischen Kalenders und ein Verzeichnis talmudischer Terminologie,— beide sehr nützlich. Fraglich ist nur, ob die schönen Einleitungen bei denen, welche das Buch lernen, nicht zu viel voraussetzen; vielleicht sind sie auch nicht für die Schüler sondern für die Lehrer gedacht; sie könnten demnach in einer Schüler ausgäbe ganz wegfallen. Als Schülerbuch scheint mir dieses vortreffliche Autodidaktenbuch den Lehrer etwas zu sehr entbehrlich zu machen; ob der gute Lehrer dies nicht leicht als Mangel empfinden wird? Alles in allem ein schönes langlebiges Buch, das junge Geschlechter wieder zum Talmud führen wird. E. M. Lipschütz Für die Redaktton verantwortlich: Siegfried Lehmann, Frankfurt a. M., Grüneburgweg iox. — Für Österreich-Ungarni Dr. IC. Präger, Wien I, Rotenturmstraße 22. — Verlag von R. Löwit Berlin und Wien. — Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig.