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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 4 · p. 190

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 4
Article
Nicht was zum Munde eingeht...
Date
1919-01-01
Page
190 (sequence 2)
Language
German
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I9Q Martin Buber: Die wahre Weisheit zur Stadt hinaus und wohin sie die Straße führte. Als sie gegen Mittag in ein Dorf kamen, kehrten sie beim Pächter ein, der sie, erfreut über die frommen Gäste, zum Essen einlud. Rabbi Bunam setzte sich in die Wirtsstube, die andern aber gingen nach ihrer Weise aus und ein und erforschten, welcher Schächter das Tier geschlachtet habe, das ihnen vorgesetzt werden sollte, ob an dessen Fehlerfreiheit nicht habe gezweifelt werden können, ob das Salzen mit aller Sorgfalt vollzogen worden sei, und dergleichen mehr. Da hob ein Mann in zerrissenen Kleidern, der hinter dem Ofen saß und den Wanderstecken noch in der Hand hielt, also zu reden an: „Chassidim, Chassidim! Was ihr in den Mund tut, danach forschet und fraget ihr und wollet wissen, wer der Schächter war und wie das Fleisch gereinigt wurde. Aber was ihr aus dem Munde hervorbringt, euer Wort, das prüfet ihr nicht, seiner Lauterkeit fraget ihr nicht nach!" Als Rabbi Bunam diese Worte hörte, verstand er, zu welchem Ende ihn sein Lehrer auf den Weg geschickt hatte. Er stand ungesäumt auf und kehrte heim Der Wandersmann aber war Elija selber gewesen. Martin Buber DIE WAHRE WEISHEIT Der Zanser stand einmal am Fenster und blickte auf die Straße. Als er einen Mann vorübergehen sah, klopfte er an die Scheibe und bedeutete ihm einzutreten. Sowie jener im Zimmer war, fragte ihn Rabbi Chajim: „Sage mir, wenn du einen Beutel mit Goldgulden findest, wirst du ihn seinem Besitzer zurückerstatten?" „Rabbi," antwortete der Mann, „gewiß würde ich den Fund ohne Verzug dem Eigentümer übergeben." „Du bist ein Narr," sagte der Zanser. Wieder stellte er sich ans Fenster, rief einen andern Passanten herein und legte ihm die gleiche Frage vor. „Ich bin doch kein Narr," erwiderte der, „daß ich einen Geldbeutel, der mir zugefallen ist, wieder aus der Hand gäbe." „Ein Bösewicht bist du," sagte der Zanser und hieß einen dritten hereinkommen. Der antwortete auf die Frage: „Rabbi, wie kann ich jetzt wissen, auf welcher Stufe ich dann stehen werde? Ob es mir gelingen wird, des bösen Triebs Herr zu werden? Vielleicht übermannt er mich und ich eigne mir das fremde Gut an; vielleicht aber steht Gott, gesegnet sei er, mir gegen ihn bei und ich gebe das Gefundene dem rechtmäßigen Besitzer zurück." „Wie fein sind deine Worte," rief der Zanser; „du bist der wahre Weise!" Martin Buber

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