Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Das jüdische Kind [Rezension]
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 96 (sequence 2)
- Language
- German
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96 Bücherschau land" und Nemeceks Aufsatz „Zur Psychologie der jüdischen und christlichen Schüler" wie Standard-Works behandelt werden müssen. Wenn dies für unmittelbar wichtige Probleme gilt, wen kann es wundern, daß die Geschichte der jüdischen Pädagogik überhaupt — die „nur" theoretisches Interesse hat — allein durch Straßburgers „Geschichte der Erziehung und des Unterrichtes bei den Israeliten", durch Güdemanns „Geschichte des Erziehungswesens und der Kultur der abendländischen Juden" und durch J. Sters „Talmudische Pädagogik" bearbeitet erscheint? Wenn von einem knappen Dutzend weiterer Broschüren und Spezialarbeiten abgesehen wird, von denen Straßburgers Buch im Jahre 1885 erschienen, schon damals völlig veraltet gewesen sein mag, Güdemanns Werk 1873—1888 erschienen, die jüdische Pädagogik grundsatzlos, ohne Verständnis und Tiefe sehr aphoristisch bloß streift, einzig bemüht nachzuweisen, daß wir Juden, schon damals sowie alle Völker usw.; Sters Schrift schließlich zwar im Jahre 1915 erschienen, aber völlig unberührt von jeder Kenntnis in pädagogischen Dingen verfaßt ist. Wie mag es um den Ernst einer Bewegung beschaffen sein, muß man fragen, die Erziehung als ihre wichtigste Aufgabe vor sich selbst und den anderen auszuschreien nicht müde wird, in der aber trotzdem kaum jemand über diese wichtigste Aufgabe methodisch denkt, in der nicht einmal der Mangel dieses Denkens schmerzhaft genug empfunden wird? Es scheint, als wäre dies der eigentliche Sinn unserer Jugendbewegung, daß sie sich empört über diesen geringen Ernst der Bewegung, und daß sie entschlossen ist, ihn ins westliche Judentum einzuführen. Ein wichtiges Symptom ihrer Bewährung wird sein, ob sie gleich anderen Problemen das der Jugend und Erziehung bewußt, methodisch, tief und umfassend durchdenken wird. Bei dieser künftigen Arbeit wird das jüngst erschienene Werk eines englischen Arztes unschätzbare Dienste leisten, sowie es heute schon jedem, der sich für Kindheit und Jugend interessiert, eine Fülle von bemerkenswertem Material und manchen wichtigen Gesichtspunkt zu geben vermag. In einem starken Band hat W. M. Feldmann zusammengetragen, was nur irgend von Belang sein mag für die Erkenntnis des jüdischen Kindes von der Zeugung bis zur Reife. In übersichtlicher Anordnung wird insbesondere das jüdische Kind während der biblischen und talmudischen Periode geschildert, zahlreich sind aber auch die Hinweise auf das jüdische Mittelalter und die Gegenwart. Das Buch ist in bestem Sinne modern; der Autor ist offenbar geschult an den Methoden der Stanley-Hallschen Jugendkunde. Er hat den Umfang seiner Untersuchung dankenswerterweise so weit gesteckt, als nötig ist, um ein klares Bild davon zu geben, welche Rolle das Kind jeweils im Ganzen der jüdischen Gesellschaft gespielt hat. Es wird allen Vorschriften, Riten und Gebräuchen nachgegangen, die mit der Vorbereitung auf das Kind verbunden waren; das Kinderschönheitsideal in seiner, Entwicklung wird geschildert; die abergläubischen Vorstellungen über Omina vor der Geburt, über Vorausbestimmung des Geschlechtes, über Voraussagen in bezug auf des Kindes künftiges Schicksal; der Wunsch nach Kindersegen; der verschiedene Wert von Knaben und Mädchen. Ausführlich erzählt der Autor von den biblischen und talmudischen Ansichten über physische und psychische Vererbung, über die antiken eugenischen Begriffe und Bestimmungen und vergleicht diese mit den Ergebnissen der modernen Wissenschaft, ein Vergleich, der keineswegs immer zu Ungunsten der alten Weisen ausfällt. Die Ehegesetze im allgemeinen, Lewiratsehe, Chalizah, Verwandtenehe und Reinheit der Deszendenz werden in drei lehrreichen Kapiteln behandelt. Die Hygiene der Zeugung und Schwangerschaft, die talmudischen Spekulationen über Embryologie, Hygiene der Geburt, die Zeremonien, abergläubischen, religiösen und philosophischen Anschauungen, die an diese anknüpfen, die Beziehungen zwischen der Mutter und dem Säugling, die Namensgebung werden ohne ermüdende Materialanhäufungen und dennoch vollständig und lebendig behandelt. Gleich ausführlich und erschöpfend werden Kindheit und Jugend, allgemeine, moralische und physische Erziehung, das Kind im jüdischen Recht, die Pathologie des jüdischen Kindes, die Sorge für Mindersinnige und -wertige, für Waisen und Fürsorgebedürftige in alter und neuer Zeit, die biologischen und physischen Merkmale des heutigen jüdischen Kindes, mit zahlreichen Proben aus Bibel und Talmud belegt, erörtert. — Im ganzen ein vorbildliches Werk, das bald ins Deutsche übersetzt werden möge, damit jene nicht mehr völlig im Dunkeln tappen, denen die Geschichte der jüdischen Pädagogik und die jüdische Jugendkunde Gebiete besonderen Interesses sind, die anderen aber vielleicht an diesem Buch die Fülle der Probleme und den Reiz ihrer Studien erfahren könnten. Siegfried Bern fei d Für die Redaktion verantwortlich: Siegfried Lehmann, Frankfurt a. M., Grüneburgweg 101. — Für Österreich-Ungarn: Dr. M. Präger, Wien I, Rotenturmstraße 22. — Verlag von R. Löwit Berlin und Wien. — Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig-