Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Flüchtlinge [Rezension]
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 95 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bücherschau 95 antwortlich macht. Wie eingefressen dieser Haß in der Gesellschaft ist, zeigt das Beispiel jenes hochkultivierten Musikers, der beim Anblick von Flüchtlingen, die am Wiener Bahnhof durchgelassen werden, einen Zornanfall bekommt. Dennoch wird auch dieser Haß manchmal überbrückt durch die versöhnende Gemeinsamkeit der allgemeinen Not. Aber zumeist überwinden diese Menschen den Gegensatz nur einfach dadurch, daß sie selbst in einer ganz anderen Sphäre leben, mit unlösbarer Treue aneinanderhängen und hier ihre heiligen Feste und Bräuche in der Verborgenheit und vor aller Augen beobachten, als wären sie daheim; und dies gibt ihnen Stolz und Würde, aber auch eine geistentsprungene Weltfremdheit, welche gar sehr absticht von dem Bilde bloß auf das Materielle gerichteter, gewinnsüchtiger Spekulanten. Wie sie das Schicksal tragen, darin zeigt sich ein Gegensatz der Alten und der Jungen, der in ihrer Welt Bodenständigen und der anderen Entwurzelten. Aber unter den Jungen befindet sich auch eine kleine Gruppe der Schomrim, dieser neuen Generation Galiziens. Manchmal tritt das eigentlich Schicksalsmäßige erst an der Masse zutage, so beim Besuche des Herzlgrabes, wo ein wohlgeplantes Spalier durch das Massenelementare dieser' Menschen jäh durchbrochen wird, oder bei jenem Festzug aus Anlaß der Rückeroberung Lembergs, wo sie sich in ihrer Plumpheit und Befangenheit so fremdartig abheben gegen den sie umgebenden arrangierten Festes jubel. Auch das Sinken dieser Menschen hat der Verfasser leise angedeutet: in dem Jüngelchen, das den amtlichen Ausdruck „Effekten" altklug nur auf Börsenpapiere bezogen wissen will, oder in dem Bilde: „Schiefe Ebene", wo ein von hause aus würdiger Greis von einem schon weltmännischer gewordenen Landsmann sich zum Besuche des Rennens überreden läßt. Hie und da scheint es, als ob die gute Absicht des Verfassers doch etwas zu sehr äußerlich idealisiert hätte, wo durch einige Blicke in die physische und geistige Heimatswelt dieser Menschen der westliche Durchschnittsleser ihnen vielleicht näher gebracht worden wäre als durch ein nationales Gefühl allein. Aber gedankt sei es Otto Abeles, daß ihm vor allem die Liebe den Stift geführt hat, so daß er die Flüchtlinge so zeichnen konnte, wie ihnen am meisten Gerechtigkeit werden kann als Menschen, als Menschen eines Volkes, and eines Volkes in Jahren schwerster Bedrängnisse und Prüfungen, Ernst Müller Das jüdische Kind*) Daß die Jugend „unsere Hoffnung" und ihre Erziehung unsere wichtigste Aufgabe ist, wurde zur völlig leeren Phrase; keineswegs darum, weil dies etwa unrichtig wäre, sondern trotzdem es nur allzu wahr ist, weil die Konsequenzen aus jenen Worten zu ziehen einer stetigen, schwierigen und schlichten Arbeit bedürfte. Wenn der Zionismus und die jüdisch-nationale Bewegung im Westen immer so ernst gewesen wären, wie ihr großes Ziel verdient, immer so zulänglich, wie die Schv/ierigkeit des Weges verlangt, so hätte längst schon in unserem Kreise ein tiefes Bemühen um alle Fragen, die mit Jugend und Erziehung zusammenhängen, beginnen müssen, das heute seinen Ausdruck in einer reichen und gründlichen Literatur zeigen müßte. Statt dessen ist beinahe alles, was über Jugend und Erziehung gesprochen und geschrieben wurde, noch leerer, oberflächlicher, weniger zureichend, fragmentarischer als etwa die Erörterung der statistischen, nationalökonomischen und politischen jüdischen Fragen — von denen auch schwerlich gesagt werden könnte, daß wir ein Recht hätten, mit Maß und Art ihrer Behandlung zufrieden zu sein. Ganz ungenügende Arbeit ist geleistet worden zur Darstellung der jüdischen Erziehung im Westen; weder ihr gegenwärtiger Zustand noch ihre Geschichte ist geschrieben; ihre Motive, Tendenzen, Erfolge sind nicht aufgedeckt; verdienstliche und verderbliche Männer gleicherweise unbekannt. Kaum gelingt es aus zahllosen Spezialarbeiter die aus nicht jüdischem Interesse entstanden sind, mühsam ein ganz fragmentarisches Bild von den einfachsten Zahlenverhältnissen zu gewinnen, geschweige denn sich eine Vorstellung zu bilden vom Geist der jüdischen Schulen und Erziehungseinrichtungen. Wir wissen nichts über die Zahlenverhältnisse der verschiedenen Jugendorganisationen, ihrer Geschichte, ihrem gegenwärtigen Zustand. Wir haben keinerlei wissenschaftlich genügende Darstellung der Ideen, Forderungen, Anschauungen der jüdischen Jugend, nichts ist bekannt über ihre psychischen und sozialen Eigenartigkeiten. So völlig unbearbeitet sind diese selbst für unsere praktische, nächste und beschränkteste Arbeit, überaus wichtigen Gebiete, daß schülerhafte und dilettantische Schriftchen, wie Dr. Cora Berliners Dissertation über die „Jüdischen Jugendorganisationen in Deutsch- *) The Jewish Child, its History, Folklore, Biology and Sociology by N. M. Feldmann, M. B., B. S. — London, BailUeu, Tindall and Co., 1917.