Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Schlußwort
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 92 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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92 Bemerkungen zu Papier bringen, sondern aus dem innigsten Wunsche zu helfen einen Weg zur Diskussion stellen, der meiner Auffassung der jüdischen Europa-Mission näher kommt als der zionistische. Habe ich gefehlt, so geschah es aus guten Absichten. Rudolf Kayser Ergänzung Ich bin nicht der Feind von Aktivisten und habe keine Spur von Ingrimm gegen eine kulturpolitische Richtung. Ich sehe junge recht entwurzelte und wegschwimmende Juden deutsche Kultur machen, das geht mir gegen den Geschmack. Machen sie gar Weltkultur, Tellurismus oder dergleichen, so weiß ich, was ich davon zu halten habe. Kümmern sie sich aber um jüdische Dinge, so weiß ich, daß sie hier zuständig sind, und reden sie ehrlich, antworte ich ehrlich. Daß ein Literat Literat als Seelentypus bleibt, auch wenn er Judaica behandelt, war mir nicht neu; daß Jeremias sich in die geistigen Zusammenhänge Kaysers nicht fügt, sondern schief und verzerrt reflektiert aus ihnen blickt, empfand ich als sehr unangenehm; daher ein scharfes Wort mir noch heute am Platze scheint. Empfindlichkeit aber erwartete ich nicht vorzufinden; ich hätte nichts dagegen gehabt, sie zu schonen, wenn ich auf sie gefaßt gewesen wäre. Ich habe Dr. Kayser kein Eingeständnis gemacht. Ich habe vielmehr erklärt, daß ich gegen seine Ausführungen angehe nur, weil ich sie für aktivistisch hielt (halte), und weil ich im Aktivismus eine Angelegenheit sehe, die dem jüdischen Kulturpolitiker zur Aufmerksamkeit empfohlen ist — zur Aufmerksamkeit, nicht zum Ingrimm. (Wie unratsam solche Selbstüberschätzungen wirken.) Ingrimm kann der Deutsche spüren; mir ist diese Bewegung interessant nur als Phänomen der jüdisch-deutschen Geistesgeschichte, als Jugendbewegung und als geistiges Phänomen. Das geistige Phänomen studiere ich; das deutsch-jüdische Phänomen reizt mich möglicherweise zur Gestaltung. Die aktivistische Jugendbewegung, oder besser, die Verwirrrung und Verflachung der Jugend durch richtig oder falsch verstandenen Aktivismus will ich, was an mir liegt, nicht ungehemmt geschehen lassen, denn hier wird der Aktivismus gefährlich. Aber es wird sich später eine konkrete Gelegenheit zur Auseinandersetzung (mit Rubiner) finden; im Falle des „Neuen Bundes" habe ich versucht, aktivistische Politik und die unsere Stirn an Stirn zu stellen. Ich sehe, daß im Falle Rudolf Kaysers sich echte jüdische und aktivistische Tendenzen kreuzen; dies aufzuzeigen habe ich versucht. Und man möge doch lesen, was ich geschrieben habe: ob nicht die Freude an jenen mich stärker bewegte, als die Abkehr von diesen. Aktivismus war die Sache, die mich in Bewegung setzte. Argumente gegen sie habe ich gebracht, und ich werde deren mehr bringen. Ich werde sie mit aller Schärfe und ohne andere Rücksicht als die des menschlichen Anstandes bringen, den ich auch im vorigen Falle nirgends verletzt zu haben hoffe. Wer an praktische, auf eine Gesamtheit anwendbare Methoden denkt, soll zu hören bekommen, daß Methoden, wie sie der „Neue Bund" vorschlägt, praktisch eben nicht sind, weil sie weder der gegenwärtigen Menschengegebenheit noch der Idee jüdischer Gemeinschaft adäquat sind. Und wer noch immer von der jüdischen Europa-Mission spricht, soll von Zeit zu Zeit daran erinnert werden, daß Europa diese Art jüdischer Mission weder braucht noch wünscht und die echte jüdische Mission nicht erträgt, und daß es eine jüdische Juden-Mission gibt, die jeden Wollenden zuletzt aufnehmen wird. Änderung, Umkehr tut not, radikaler Umschwung, dessen der europäische Mensch entweder gar nicht oder ganz aus sich heraus fähig sein wird; aber keine Form der Organisation reicht in die Tiefe, aus der er kommen muß, falls er noch kommt. Der Wunsch zu helfen ist auch der meine; die gute Absicht Rudolf Kaysers spricht für sich selbst und aus seinem Aufsatz deutlich. Unsere Wege sind verschieden, und verschieden auch ist unsere Grundhaltung. Gemeinsam ist uns die Liebe zu der Sache, der wir uns beide verbunden fühlen; da ist kein Raum für Feindschaft, wenn ich mich nicht irre. Ich habe weiter nichts zu sagen. Arnold Zweig