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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 10 · p. 484

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 10
Article
Ein jüdischer Ingenieur
Date
1918-01-01
Page
484 (sequence 4)
Language
German
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484 Ammigl Maccär: Popper die Nährpflicht des Staates jedem einzelnen Individuum gegenüber, durch Aufstellung einer Nährarmee, verlangt, oder ob er die Achtung vor jedem noch so unbedeutenden, aber nicht aggressiven Individuum und die Wahrung und Erhaltung seiner physischen Integrität als Grundlage einer gesitteten Gesellschaft fordert, ob er dem Staate auch im Kriege das Recht abspricht, über das Leben auch nur eines Individuums gegen dessen Willen zu verfügen, oder ob er ein Erziehungssystem verlangt, das auf Güte und Pietät aufgebaut werden soll: so sind das alles „Forderungen", die, wie die der Propheten, die Verwirklichung einer in echt orientalischer Art innerlich erschauten, wahren und gerechten Welt erstreben. Wie sehr man in den meisten Schriften Poppers die streng logische, exakte Beweisführung des Mathematikers und Naturwissenschaftlers erkennt, so sehr scheint sie einem an anderen Stellen zu entschlüpfen, die gerade rein ethische Forderungen enthalten, wie z. B. in seinem Buche über das Individuum. Man spürt es ganz deutlich: Hier muß man entweder mit Popper mitfühlen können oder nicht Rein logisch lassen sich alle seine Thesen nicht begründen. Es ist, wie Buber vom Orientalen sagt, „dieses sein Wissen um den Kern und Sinn seines Lebens, aus dem er den Kern und ßinn der Welt erschließt". Mag sich Popper noch so sehr für den Schüler von Montaigne, Rousseau, Voltaire halten, aus seinen Werken spricht jüdische Art und prophetischer Geist, diese Fähigkeit, in ganz anderem Sinne als der Lynkeus der Argonauten durch den Schleier der Zeiten in die Zukunft zu schauen und die Welt dort aufzubauen. So auch 1886, als er auf Grund der Betrachtung der politischen, nationalen und sozialen Strömungen des damaligen Europas den jetzigen Weltkrieg in seiner barbarischen Furchtbarkeit voraussagte, oder als er, bei derselben Betrachtung, den Gedanken eines jüdischen Staates in Palästina hegte*), bevor Theodor Herzl seinen „Judenstaat" schrieb und wahrscheinlich auch ohne von Pinsker und den nationalen Strömungen bei den Ostjuden etwas zu wissen. Wie würde das technische Schaffen dieses repräsentativen Juden ausgesehen haben, wenn er in einem Milieu gelebt hätte, worin er physisch und seelisch verwurzelt gewesen wäre? Die Geschichte dieses seines Schaffens ist ja ein einziges tragisches Erlebnis, tragisch in dem oben formulierten Sinn, das ihm stets seine Fremdheit und seine Wurzellosigkeit vor Augen führen mußte. So als er die Assistentenstelle am Wiener Polytechnikum nicht erhalten konnte, weil er Jude war. Oder als er seine epochemachende Erfindung der elektrischen Kraftübertragung machte, für deren Realisierung er aber nirgends die materiellen Mittel oder die moralische Unterstützung der Hochschulen erhalten konnte, weil er arm, fremd und ohne Protektion war. So als er, voll Ideen für die technische Förderung der Luftfahrt, keine Mittel finden konnte, um sich eine Werkstatt und einen Flugplatz zu errichten. Oder als er 25 Jahre lang mit Erfindungen aus Not herumreisen mußte, um seinen Lebensunterhalt zu gewinnen, ohne für seine anderen sozialen Arbeiten, die er für wichtiger hält, die nötige Zeit finden zu können. Und während er eine fast unübersehbare Zahl von wissenschaftlichen Einzelabhandlungen abfaßte, blieben ihm die technischen Hochschulen feindlich, förderten seine Arbeiten mit nichten und beehrten ihn nicht einmal jetzt zu seinem achtzigsten Geburtstag mit dem Titel eines Dr.-ing. honoris causa, ihn, dessen Priorität in der Erfindung der elektrischen Kraftübertragung die Wiener Akademie der Wissenschaften anerkannt hat, und der bei weitem viele unter jenen überragt, denen im gegenwärtigen Kriege dieser Titel in Hurra-Stimmung verliehen wurde. *) „Fürst Bismarck und der Antisemitismus", Seite 122 Fußnote.

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