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Der Jude · 1916-06-01 · Heft 3 (Juni 1916) · p. 208

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 3 (Juni 1916)
Article
Mose
Date
1916-06-01
Page
208 (sequence 2)
Language
German
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208 Bemerkungen findet seine Verherrlichung in einer Religion, in der nichts gilt, als die Tat: im Judentum .., Aber das Judentum ist nicht in einem so vollkommenen Maße eine höchste Ausgestal. tung des politischen Menschen, wie der Brahmanismus eine des sakralen ist. Das hat einen sehr tiefen Grund: das Judentum ist bild-feindlich. Der böse Zufall wollte es, daß jener Moses von der großen Sinai-Vision nur jene moralistischeu Fragmente zurückbehielt, die seitdem als Zehn Gebote ihr Wesen treiben." Das Wort „Zufall" darf hier wohl kaum ernst genommen werden. Aber auch Willkür kann es nicht sein, was zugrunde liegt. Wie tief dre Wurzeln dieser Dinge hinabreichen, fühlt, wer aus den biblischen Werten das Sinai-Erlebnis zu erschließen sucht, wie es noch dem Niederschreibenden gewaltige Gegenwart war: trotz Wolke, Rauch und Feuer nicht eine Vision, sondern eine Audition. Die Zehn Gebote sind keine „rnoraltstischen Fragmente", denn jedes von ihnen ist durchschüttert von dem ihre Reihe eröffnenden „Ich bin"; ohne das „Ich bin" wären sie Scherben, mit ihm sind sie die ewigen Tafeln. Aber die Bildfeindlichkeit des Judentums ist eine Wahrheit. Was ist es, darin sie begründet ist? Was redet aus dem Gebot: Dr. sollst dir kein Bildnis machen? 3« Über Kürnberger den Aufrechten brauche ich wohl nichts zu sagen. Er schreibt: ,,,Herr» ich stottere mit der Zunge. Herr, ich bin der Rede nicht mächtig. Herr, schicke meinen Bruder Aaron.' So wehrte sich Moses gegen Gott — im Schauer des Manschen vor seiner eigenen Größe ... Durch alle Fugen seiner Seele riß das schmerzliche Wachsen ins Ungeheure; er hätte sich gerne die Kraft, die ihn zu sprengen drohte, verleugnet, in tausend Ausflüchten widerspricht er seinem Gott; — aber aus allen Ausflüchten hören wir heraus: du bist der Mann und kein anderer, der die Tat tun wird." Kürnberger weist hier auf die Stellen der | Bibel hin, die im Zentrum der Mose-Geschichte , stehen. Zweimal sagt Mose zu Gott, er könne | zum Volke nicht reden. Beidemal antwortet | Gott, Aaron werde für ihn reden. Und beide i mal erscheint in Gottes Antwort ein wunder- 1 sames Gleichnis, „Und er soll für dich zum | Volke reden, und also: er wird dir ein Mund sein und du wirst ihm ein Gott (IHohim) sein." Und wieder: ,,Ich habe dich zu einem Gott über Pharao gesetzt, und Atiron, dein Bruder, wird dein Prophet (Nabi) sein." tjfnd vorher heißt es: „Ich werde mit deinem Munde sein." Es gibt aber zwei andere Steden der Bibel, an denen das gleiche Erlebnis jich äußert, das sind die, denen Jeremijs*. von seiner Berufung berichtet. Auch er weigert «ich erst zu predigen, da berührt Gott seinen Mund und spricht zu ihm: „Siehe, ich habe meine Worte in deinen Mund gelegt." Und wieder: „So sollst du mein Mund sein.'1 Und auch bei der Eerufung Jcsajas klingt das Gleichnis on. „Elohim" heißt die einsprechende Macht. „Nabi" der aussprechende Mensch, der Mensch, der sich als den Mund Gottes erlebt. Die Stimme redet nicht zu ihm (das Judentum kennt keine private Offenbarung), sondern durch ihn, sie braust durch ihn in die Weit, an das Volk hin. Er will sich ihrer erwehren, er ringt mit ihr, und daß er es tut, das ist seine hohe Jakobiden-Legitimität, die kein Scheik und kein Derwisch hat. Aber die Stimme ist ihm übermächtig; „du hast rnieb ergriffen und übermannt", sagt Jercmija. Das ist der Sinn der „Bildfeindlichfceit" des Judentums, daß es im Zeichen der Stimme stand, von der Zeit, da sein Mythos die Weit aus dem Wort entstehen ließ, bis in die Zeit, da ein Jude den Völkern verkündete, im Anfang sei das Wort gewesen. Mose, der Bildner des Judentums, lehnte das Bild ab, weil er ein Gefäß der Stimme war und sein Geist Gefäße der Stimme zeugen wollte. Diese aber sind allem Bild entzogen und auf das Wort gesammelt; sie sehen nur den „Rücken" Gottes, aber sie sind voll seiner Rede, B. Fü* die Rejektion verantwortlich: Dr. Max Mayer. Berlin-Wilmersdorf, UWandstraBe Tio/ifi, — Für öite.rreiclf-Ungarn: Dr. M. P rage r, Wien I, Rotenttinnstraßt 22. — Verlag von R. IGwit, Berlin und Wien. Druck von Oscar Brandslettsr in Leipzig-

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