Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1916)
- Article
- Überseeisches Hebräisch
- Date
- 1916-06-01
- Page
- 205 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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205 sehen Presse aber konnte sich Amerika den- ] noch nicht aufraffen. Das beißt zu einer | führenden, publizistisch auftretenden, kritisch beleuchtenden und ernst genommenen Presse, wie diejenige in Polen und Rußland. Versuche, Zeitungen und Zeitschriften in hebräischer Sprache zu schaffen, wurden in Amerika vielfach gemacht. Sie waren aber immer entweder literarisch oder finanziell schlecht basiert. Alle diese Geschöpfe starben frühzeitig, ohne daß sie recht beklagt wurden. Daß aber diese Versuche sich hartnäckig wiederholten, weist auf ein rege empfundenes Bedürfnis hin. Ein Publikum, das in Achadhaam und Bialik seine geistigen Führer erblickt, ihre Werke aus Rußland bezieht, das auch die hebräischen Zeitschriften von Rußland und Palästina verschlingt, fühlte natürlich immer mehr die Notwendigkeit, an Ort und Stelle eigene Organe zu haben. Der Komplex von Problemen, der in der hebräischen Presse Europas Wellen schlug, war für die amerikanischen Verhältnisse teils zu sehr, teils zu wenig kompliziert. Das ist eben der schlagendste Beweis, daß das Hebräische kein Luxus ist* Eine Literatur, die man von außerhalb importiert, kann noch als Luxusartikel betrachtet werden. Das Bedürfnis aber nach einer lokalen, eigenen, leitenden und beratenden Presse in hebräischer Sprache zeigt am besten, welchen Platz diese Sprache bei ihrem Publikum einnimmt. Die Versuche, auch Tageszeitungen zu gründen, zeigen, daß die Leser auch die Tagesereignisse im hebräischen Spiegel sehen möchten. Dafür kommt ein Blatt aus Europa zu spät. Warum sind trotzdem die Versuche bis jetzt nicht gelungen? Soweit man es von hier aus übersehen kann, war es keineswegs aus Mangel an Lesern, sondern aus Mangel an Autoren. Die hebräischen Schriftsteller, die aus Rußland und Galizien auswanderten, waren na*n Palästina, nicht nach Amerika gegangen. Darum waren die amerikanischen Neugründungen hie imponierend, nie einem europäisch-hebräischen Blatt ebenbürtig. Nun ist es mit diesem Jahre anders geworden. Wie vor zehn Jahren die russischen Ereignisse eine Vermehrung der Leser herbeiführten, so haben, wie es scheint, jetzt die Weitereignisse eine Verstärkung der hebräischen literarischen Kräfte in Amerika, mit sich gebracht. Einige gezwungene Immigranten aus Rußland und aus Palästina scheinen in Amerika jetzt eine ernstere, im materiellen wie im geistigen Sinn solidere hebräische Presse gegründet zu bähen. Es kommen zwei Wochenschriften in Betracht, von denen man das Beste hoffen kann. Zuerst wurde, im Januar dieses Jahres, der „Haiwri" (ehemals in Berlin) erneuert. Das ist zwar ein etwas eng parteiisches Blatt, ein Organ des „Misrachi", der gesetzestreuen Fraktion innerhalb der zionistischen Organisation; die Redaktion aber ist tolerant genug, um Vertreter aller Strömungen zu Worte kommen zu lassen, soweit sie die traditionellreligiösen Prinzipien des Misrachi nicht verletzen. Im allgemeinen ist „Haiwri" ein literarisch-publizistisches Blatt, in dem man auch manchen „Namen" antrifft und mancher Anregung begegnet. Die Losung des „Haiwri" ist, wie aus der Zusammenstellung seiner Mitarbeiter ersichtlich ist: wer nicht gegen uns ist, ist mit uns. Vielleicht ist diese Losung gerade für die amerikanische Judenheifc angemessen, wo es keine starre, weltfremde Orthodoxie gibt, wo zudem die Differenzierung innerhalb des Judentums sich noch nicht so zugespitzt hat wie in Osteuropa. Die Zeitschrift aber, die in Amerika schon lange nötig war, ein überseeisches Ebenbild der europäischen Wochenschrift in hebräischer Sprache, wie sie im „Hador" von Frischmann, im „Haolarn" und anderen dem hebräischen Publikum so lieb geworden ist — diese Zeitschrift begrüßen wir nun im;.Haroren'\ der vom März dieses Jahres an in New York wöchentlich zu erscheinen begann. Von dem begabten J. D. Berkowitz unter Zuziehung der besten Kräfte Amerikas, Europas und Palästinas geleitet, verspricht „Katoren11 das literarisch-gediegene, aufs Leben aufhorchende hebräische Blatt Amerikas zu werden, das sein Leser allwöchentlich erwartet, dem er lauscht, auf das er reagiert, wie es mit den osteuropäischen Organe der Fall — war. Leider existiert nämlich augenblicklich, infolge des russischen Verbots., keine hebräische Presse in Europa (außer der Tageszeitung „Haeephira" in Warschau). Daß Berkowitz So sein Blatt ausgestalten wird, daß es auch für die Leser in Europa ein Ersatz für die verstummte Presse sein wird — das wollen wir hoffen. Für die hebräische Sache in Amerika bedeutet die Wochenschrift „Hatoren*1 den ernstesten Versuch, hinter dem die zionistisch tätigen Kreise stehen. Hatoren bedeutet: der Mastbaum. Ist die jüdische Gemeinschaft in der Zerstreung wie ein Schiff, das im Wasser schwankt, so Sind es die Zionisten, die, auf den Mastbaum geklettert, von der Feme das Land zeigen.