Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1916)
- Article
- Ein ungewohnter Helfer
- Date
- 1916-06-01
- Page
- 201 (sequence 2)
- Language
- German
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Bemerkungen 201 Wahrhaftige getan. Sie haben festgestellt, daß es neben den Anpäßltngen ein ungebrochenes jüdisches Volkstum gibt und Sie werden wissen, daß nicht die wertlosesten deutschen Juden lange und bewußt gegen die Leugner eines ungebrochenen und wesentlichen Judeseins in hartem Kampfe stehen. Verharren Sie darum nicht bei kaltem Feststellen, da es gilt, zu wählen und zu verwerfen. Oder sollte der deutsche Liberalismus bereits nicht mehr über die seelische Unbefangenheit verfügen, die das Sichbekennen und Auflehnen höher werbet, als das Sichanpassen und das Weichen vor historischen Notwendigkeiten? Wenn Sie aber die schöne Gabe der unbedingten Tat der eigenen Partei noch innewohnend glauben, j dann ist es an Ihnen, dem jüdischen Assimifanten Lehrmeister des unverfälschten liberalen Gedankens zu werden. Fritz Mordechai Kaufmann Metamorphosen einer Lüge Der Fall, auf den ich hier zurückkommen mochte, geschah bereits vor rnehf als einem Jahre. Die russisch-jüdischen Schreckensgeschienten begannen damals die Aufmerksamkeit ehrlicher Männer auch in den Rußland verbündeten Ländern zu erregen. Eine Zeitung nach dßr anderen begann manche jener furchtbaren Einzelheiten zu schildern, an denen das russisch-jüdische Leben so reich ist. Diese Propaganda war an sich durchaus erfreulich. Nur enthielt sie einen heiklen Punkt, der uns von Anfang an stutzig machte. 3ei der Schilderung des traurigen jüdischen lebens in Rußland wurde nämlich ein erfundener Vorgang in den Mittelpunkt gestellt, der ursprünglich dazu bestimmt war, die russischen Verfolger zu brandmarken, in Wirklichkeit abe* die jüdischen Verfolgten vor aller Augen entehrte. Wir meinen das Wiederauftauchen jener Legende von der russisch-jüdischen Studentin, die sich in (Iii; Liste der Prostituierten eintragen läßt, um auf Grund des „gelben Settels" Wohnrescht in der Universitätsstadt zu erhalten. Von der „Contemporary Review1* gelangte diese „Tatsache" in die „Kölnische Zeitung" und von dort in die deutsch-jüdische Presse. Hier erst bekam das alte Märchen seine „richtige** Auslegung. Im Gegensatz *u dem vorsichtigen Ton und der politischen Tendenz, mit welcher dierNichtjuden die Angelegenheit behandelten, begann man in der jüdischen Presse von der. moralischen Minderwertigkeit der studierenden Ostjüdin, die sich »zur Buhldime erniedrigt1', zu reden. Herr Heft 3. Landrichter Glücksohn sah sich veranlaßt, nicht etwa gegen das russische System aufzutreten, sondern sich in maßlosen Schmähungen gegen die russisch-jüdische Studentin zu ergchen, „üm iljre Liebhabereien durchzusetzen (so schreibt Herr Glücksohn in def „Allgemeinen Zeitung des Judentums'1, Nr. 9, 1915), stellte sie sich selbst auf die unterste Stufe der Menschheit.... sie unterwirft sich freiwillig dem (!), wofür ander«- (Herr Glücksohn meint die in Polen geschändeten Mädchen und Frauen^ den Tod erlitten haben, Die russisch-jüdische Studentin könnte leicht bei den andersgläubigen Mitbürgern den Zweifel hervorrufen, ob das Verhalten der russischen Soidateska wirklich so schlimm ist4* ,. . Di« östliche Glaubensgenossin, „die ihr Wissen mit dem Preis ihrer Ehre bezahlt1kann also nicht den Segen der wahren Wissenschaft empfangen. Und die Folgerung des Herrn Glücfcsohn lautet: Die deutschen Juden müssen vor allen Unbeteiligten erklären, daß sie jede Gemeinschaft mit diesen Jüdinnen ablehnen. Damit war die Sache noch nicht zu Ende. Die „Allgemeine Zeitung des Judentums'4 eröffnete eine Diskussion über die Stellung der deutschen Juden gegen die russischjüdische Studentin, die auch einige andere Zeitungen übernahmen. Jede behandelte diesen Stoff von ihrem Standpunkt aus, alle aber hielten es für gerecht, zu richten, ohne die faktische Grundlage der Angaben zu prüfen. Die ersten Anzeichen dieser erlogenen Geschichte finden sich bereits im Jahre xSSt nach dem Tode Alexander IL vor. Damals verließen jüdische Mädchen zum erstenmal massenv/eise den Ansiedlungsrayon, um die Hochschulen aufzusuchen. Aus politischen Gründen, auf die wir hier nicht näher eingehen wollen, verhielt sich die Polizei intelligenten Juden und Jüdinnen gegenüber, die sich in Petersburg niederlassen wollten, sehr mißtrauisch und prüfte streng jeden jüdischen Ankömmling auf sein Wohnrecht. Damals geschah es, daß ein unbekannter Belletrist im „Hameliz", einer hebräischen Zeitung, eine Novelle veröffentlichte, in welcher erzählt wird, wie eine jüdische Studentin, um sich der Wachsamkeit der Polizei zu entziehen, sich genötigt sieht, sich als Prostituierte anzumelden. Trotzdem es nicht erfindlich war, warum eine Studentin, mochte sie noch so hohe politische Zwecke verfolgen, sich in ein derartiges Abenteuer stürzen und sich der Qual einer regelmäßigen ärztlichen Unter* suchung unterziehen sollte, fand diese Erzählung ihrer tendenziösen Unterlage wegen »4