Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Die Bildung des Menschengeistes
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 436 (sequence 1)
- Language
- German
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436 Ernst Müller: Die Bildung des Menschengeistes DIE BILDUNG DES MENSCHENGEISTES Sohar, fol. 197 a—b. Rabbi Chija begann seinen Vortrag mit dem Schriftsatze (Secharja 12, 1): „Last des Wortes des Herrn an Israel: So spricht der Herr, der den Himmel ausbreitet und die Erde gründet und des Menschen Geist bildet in seinem Innern." Warum ist den Worten: „der den Himmel ausbreitet und die Erde gründet" hinzugefügt: „der des Menschen Geist in seinem Innern bildet"? Wissen wir denn nicht ohnehin, daß er auch der Bildner des Menschengeistes ist? Aber dies wird ausdrücklich gesagt, um auf eine gewisse hohe Stufe hinzuweisen, in welcher alle Geister und Seelen der Welt ihren Wesensursprung haben. Rabbi Schimcon aber sagte: Der Satz weist noch eine Schwierigkeit auf. Würde es nämlich bloß heißen: „der des Menschen Geist bildet", so wäre dies genügend. Warum aber: „in seinem Innernu? Für dieses Wort gibt es zwei geheime Deutungen. Aus dem Strome nämlich, der von jener Region ausgeht, quellen und blühen alle Seelen und sammeln sich an einer Stätte, und diese Stufe ist es, die den Geist des Menschen bildet. Und wie ein schwangeres Weib Schmerzen fühlt, bis das neue Wesen zu voller Gestalt in ihrem Innern ausreift, so war es mit der Bildung des Menschengeistes, die sich in ihrem Innern vollzog, bis daß der Mensch in die Welt versetzt wurde. Nach der anderen Deutung jedoch ist das Innere des Menschen selbst gemeint. Denn so wie der Mensch erschaffen wird und der Allheilige ihm die Seele einflößt und sie zur Lebensluft gelangt, findet der Geisthauch in ihm noch keine entsprechende Leiblichkeit, sich darin auszubreiten, und ist im Körper gleichsam nur in einseitiger Betätigung. Erst wenn die Leiblichkeit zur Entfaltung gelangt, kann auch der Geisthauch in ihr sich entfalten und ihr dann jene Kraft einflößen, an der der ganze Mensch erstarkt. Wenn du aber einwenden wirst, diese Gestaltung des Menschengeistes erfolge dennoch nicht eigentlich im Innern des Menschen, weil sie der geistigen Wesen der Höhe zur Hilfe bedarf — so ist eben darum hinzugefügt: in seinem Innern, denn der Allheilige bildet den Menschengeist wirklich aus dem Innern des Menschen heraus und leiht ihm jene Hilfe durch die Natur des Menschen selbst Nur wenn des Menschen Geist Weiterer Stützung * bedarf, entsprechend gerade dieser Menschennatur und ihrer körperlichen Entwicklung, dann erfährt er Stützung durch einen anderen Geist, und dieser ist es dann, der „des Menschen Geist in seinem Innern bildet". Merke, daß damals, als Josef seinem Vater Jakob verloren ging, dieser dem Jakob beigegebene Geist und damit die Gottesglorie von ihm wich, weshalb es im Späteren (Gen. 45, 27) heißt: „Da lebte der Geist Jakobs ihres Vaters." War denn der Geist Jakobs vorher tot gewesen? Nein, sondern der ihm beigegebene Geist war von ihm gewichen, infolge seiner Traurigkeit, die so groß war, daß sein Geist nicht aufrecht bleiben konnte. Deutsch von Ernst Müller