Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Wege und der Weg
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 368 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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368 Hugo Bergmann: Wir ehren das Gesetz, die von ehrwürdigen Mächten geschmiedete Rüstung des Volkstums; wir grüßen jeden, der, unmittelbar gewiß, daß Gott diesen Panzer, wie er ist, dem Volke mit eigner Hand umgetan habe, von seiner Schwere ungehemmt, mit uns ins Blachfeld reitet; doch wir beklagen jene, die ihn ohne diese Gewißheit tragen, und denen er die Glieder starr und steif macht, daß sie zum Werk nicht ausziehen können und die ehrwürdige Rüstung wie ein historisches Paradekostüm am Leibe haben; die aber durch die Berufung auf das Vorhandensein des Gesetzes uns hindern wollen, aus des lebendigen Gottes Händen neue Waffen zu empfangen, derer werden wir uns erwehren. Denn wir können nichts dulden, was sich zwischen uns und die Verwirklichung Gottes stellt. Freilich, ihr könnt von Gott aussagen: „Dies und dies hat er befohlen, wir wissen Bescheid um alles, was er von uns begehrt"; wir Ausschauenden, wir Bettler aber wissen von seinem Willen erst nur das Ewige, das Zeitliche müssen wir uns selbst befehlen, selbst sein wortloses Geheiß immer neu im Stoff der Wirklichkeit ausprägen. Ihr habt die Formen und meint den rechten Gehalt nicht mehr im Unendlichen suchen zu müssen, dieweil er in den Formen beschlossen liege; wir spannen unsre Seele ins Unendliche, den Gehalt neu zu empfangen, dem die neue Form geschaffen werden soll. Euch ist der Weg in Büchern vorgezeichnet und ihr kennt euch aus; wir aber müssen ihn im nebelnden Chaos der Gegenwart mit unsren Händen ertasten. Aber nicht Willkür leitet uns, sondern urtiefe Notwendigkeit; denn uns leitet die Stimme. Das Urjüdische gebietet sie uns, das jüdischer ist als alle Formen und Normen: Verwirklichung, Aufbau der Gottesgemeinschaft, Neubeginn. „Brechet euch einen Neubruch", so spricht sie, „und säet nicht zwischen die Dornen". Wir wollen ihr gehorchen. Wir wollen den Weg nach Zion, das ist der Weg nach der gelebten Wahrheit gehen. Nicht indem wir ein Gesetz, wie ihr es uns empfehlt, statt aus den Händen Gottes aus denen des Volkes empfangen, sondern in gemeinsamer Verwirklichung, in gemeinsamem Aufbau, in gemeinsamem Neubeginn werden wir mit dem Volk zusammenwachsen. Dann wird auch die Stunde kommen, da das Wortlose sich zu Worten, zum neuen Wort begrenzen wird. Im wahrhaften Leben zwischen den Menschen wird das neue Wort sich uns offenbaren, n&yj Erst werden wir tun, dann erst es vernehmen: aus unsrer eignen Tat. Die wahre Gemeinschaft ist der Sinai der Zukunft. Martin Buber DIE WAHRE AUTONOMIE ir wenden uns gegen das Eindringen des Kapitalismus und Merkantilismus nach Palästina. Aber können wir es mit unserem Gewissen verantworten, das im gegenwärtigen Augenblick zu tun? Darf die mit tausend Schwierigkeiten verbundene zionistische Unternehmung auch noch mit der belastet werden, eine neue Wirtschaftsordnung zu verwirklichen? Und selbst wenn sie dürfte, — kann sie es? Können wir mitten im kapitalistischen Meer eine unkapitalistische Insel bilden? Muß nicht die Flut über ihr zusammenschlagen? Der Kapitalismus ist das Gesetz der jetzigen Wirtschafsordnung. Da wir in ihr leben, müssen wir uns diesem Gesetze fügen, alles antikapitalistische Ge-