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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 8-9 · p. 359

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 8-9
Article
Von der Eigenartigkeit jüdischer Politik
Date
1918-01-01
Page
359 (sequence 2)
Language
German
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Von der Eigenartigkeit jüdischer Politik 359 den pogromartigen Vorgängen zu Prag im Jahre 1897 einen besonders beredten Ausdruck fand, welcher bekanntlich Theodor Herzl zu einer Behandlung der Frage der sudetenländischen Juden im Sinne der Selbstbehauptung und Selbstbesinnung veranlaßte. Aber wie aus jeder besonderen Form der Judenfrage, läßt sich auch aus dieser nicht nur die Notwendigkeit der Selbstbehauptung ableiten, sondern auch ihre Eigenart und ihr Inhalt. Von tschechischer Seite wird immer auf die Unrechtmäßigkeit dieser politischen Stellung der Juden hingewiesen, die so den Tschechen die ihnen, wie sie sagen, gebührende unbestrittene Herrschaft im Lande entreißen helfen. Daß ein derartiger Wille nicht die Grundlage!der politischen Stellung der Juden sein kann, wird die Zukunft lehren, deren erste Anzeichen man schon heute ganz gut bemerken kann. Die radikal deutschnationalen Juden von gestern werden, nachdem der tschechische Nationalismus gesiegt hat, morgen zum größten Teile ebenso radikal tschechischnationale Juden sein, falls wir den Dingen mehr oder weniger freien Lauf lassen. Man braucht sich da nicht auf Zukunftskombinationen zu verlassen. Das Schauspiel wurde anderweitig schon aufgeführt, am klarsten in Ungarn. Die radikal österreichischen Juden in Ungarn sind mit dem politischen Siege der Magyaren rasch Übermagyaren geworden, sogar ihre Namen haben im Nu eine magyarische Tünche bekommen. „Jüdische Charakterlosigkeit", sagen da die Nichtjuden. Wir aber müssen diese Tatsachen anders betrachten lernen, ohne daß wir uns der tief verpflichtenden, aber trotzdem oder gerade deshalb segnenden Kraft der Tatsachen entziehen. Wahrheit ist, daß der Jude sich hierzuland nur allzu oft derjenigen Partei anschließt, welche die Macht in Händen hat. War es (in Ungarn) oder ist es (in den Sudetenländern) der Wiener Zentralismus oder der ihn vertretende deutsche Nationalismus vor dem Siege der nationalistischen Bestrebungen, so sind diese es nach ihrem Siege. Da liegt nun freilich ein sehr schwerer Fehler in der politischen Auffassung der österreichisch-ungarischen Juden. Und selbstverständlich muß diese Auffassung auf diesen Teil der Judenheit selbst eine böse Rückwirkung üben. Das ist insbesondere von den österreichisch-ungarischen Zionisten schon oft mit Nachdruck hervorgehoben worden. Aber es wurde aus diesem Zustand ein Ausweg gesucht — gerade jetzt wird er mit dem größten Eifer angestrebt —, der den Charakter der Übelstände zu oberflächlich und in falscher Analogie zu ähnlich scheinenden Verhältnissen in den ganz anders gearteten nichtjüdischen Gemeinschaften beurteilen. Man sagt:^Sollen die österreichisch-ungarischen Juden nicht in der Politik charakterlose und, nebenbei gesagt, auch erfolglose Opportunisten sein, so dürfen sie keine tschechische, deutsche, magyarische und andere Politik treiben, sondern sie müssen jüdische Politik machen. Soweit ist es ja gut. Die Dinge bekommen aber dadurch eine schlimme Wendung, daß man sich unter dieser jüdischen Politik in Österreich-Ungarn etwas der deutschen, tschechischen, magyarischen Politik Ähnliches vorstellt Für eine solche Politik fehlen uns alle Grundlagen, die gerade jetzt so deutlich hervortreten, aber auch im Frieden dieselben waren, wenn man sie auch nicht so deutlich erkennen konnte: der Besitz von Boden und von bewaffneten Fäusten. Die üblichste Form der Politik ist die, welche sich auf ein nationales Heer oder die Ansätze zu einem solchen stützt, was z. B. für die Magyaren zutrifft, deren Soldaten zwar bis jetzt dem gemeinsamen österreichisch-

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