Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Vom ostjüdischen Handel
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 305 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Rosenberg: Vom ostjüdischen Handel 305 VOM OSTJÜDISCHEN HANDEL Der augenblickliche Stand der Ermittlungen auf dem Gebiete des ostjüdischen Handels ist nicht dazu angetan, ein einigermaßen klares und zureichendes Bild von den Verhältnissen in diesem ausgedehnten Bereich wirtschaftlicher Betätigung im Ostjudentum zu gewähren. Was hier bislang an Ergebnissen und Feststellungen gefördert wurde, ist zum Teil zweifelhafter, zum Teil aber fragmentarischer Natur. Von berufener jüdischer Seite ist bisher zur Erforschung dieses wichtigsten Zweiges des ostjüdischen Wirtschaftslebens nichts unternommen worden; in der um die Wende des verflossenen Jahrhunderts von der JCA durchgeführten grundlegenden jüdischen Wirtschaftsenquete ist der ostjüdische Handel unberücksichtigt geblieben. So sind wir in dieser Beziehung ausschließlich auf die amtlichen russischen Quellen angewiesen, deren Material zur allseitigen Erschließung und Beleuchtung unseres Problemgebietes keineswegs ausreicht. Während die Ergebnisse der russischen Volkszählung von 1897 uns über die Gesamtzahl der in den verschiedenen Handelszweigen beschäftigten Juden Aufschluß gewähren, tasten wir in bezug auf die eigentliche .Zahl und die Durchschnittshöhe des Umlaufskapitals der jüdischen Handelsbetriebe sowie hinsichtlich der Größenverhältnisse und Entwicklungstendenzen völlig im Dunkeln. Die allgemeinen Ermittlungen des russischen Ministeriums für Handel und Gewerbe über Zahl und Höhe des Umlaufskapitals in den verschiedenen Gruppen der Handelsbetriebe in den Gouvernements innerhalb und außerhalb des Ansiedlungsgebietes gestatten wohl einen Vergleich zwischen den Verhältnissen in den ersteren und letzteren, allein angesichts des naheliegenden Umstandes, daß das Ansiedlungs-' gebiet auch eine beträchtliche nichtjüdische Handelsbevölkerung aufweist, andererseits aber die Juden auch außerhalb dieses Gebietes eine bedeutende Handelstätigkeit entfalten, — dürfen die so gewonnenen Anhaltspunkte auf einwandfreie wissenschaftliche Bedeutung kaum Anspruch erheben. Immerhin: in Ermanglung eines beweiskräftigeren Materials müssen bis auf weiteres die von den erwähnten amtlichen Quellen gelieferten Daten der Erörterung des Wesens und der Bedingungen des ostjüdischen Handels zugrunde gelegt werden. Es wird dies in den folgenden, den ersten Versuch einer zusammenhängenden Darlegung unseres gegenwärtigen Wissens vom ostjüdischen Handel darstellenden Ausführungen geschehen. Im Handel beschäftigt waren 1897 im russischen Reiche von je 100 Nichtjuden 3»37» von je 100 Juden 38,65. Auf die städtische Bevölkerung berechnet, erreicht das Prozentverhältnis der im Handel tätigen Nichtjuden 12,42, Juden 37,48. Absolut betrug im Reiche die Zahl der handelstätigen Nichtjuden 618926, der Juden 450427 72% der Gesamtzahl der im Handel Beschäftigten. Auf die vier Hauptgebiete des Ansiedlungsrayons verteilt, ergibt sich folgendes Bild der Berufsgliederung der Juden*): *) Aufschluß über den Anteil der Juden am Handel in den verschiedenen Siedlungsgruppen gewährt folgende Aufstellung: In Flecken und ländlichen Siedlungen In Städten mit einer Bevölkerung bis zu 10000 Seelen............ 10000—50000 Seelen .......... 50000—100000 Seelen......... Ueber 100000 Seelen......... In sämtlichen Siedlungen....... Landwirtschaft Gewerbe 6,28 33,64 1,14 35,39 0,92 3<5,i8 0,32 39,12 0,22 37,44 3,60 35," Transport Handel 3,72 4,21 4,56 4,89 4,13 4,o6 40,32 39,25 37,26 34,59 38,13 38,66