Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die rechte Zeit
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 292 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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292 Ernst Müller: Die rechte Zeit Sind denn wirklich auch für den weisen König die Dinge so mühevoll? Was bedeutet also jener Satz? Es wird darin von zwei Sinnen gesprochen, die nicht in der1 Gewalt des Menschen sind, und von seinem Munde, der doch in seiner Gewalt ist — aber alle drei vermögen nicht die Allheit zu erreichen und sich ihr zu verbinden. Und Rabbi Chija sprach: So ist es auch, daß Menschenworte es nicht sprechen, Augen es nicht schauen und Ohren es nicht hören können, „und es ist nichts Neues unter der Sonne*'.' Merke aber den Sinn, daß alle körperlichen und körperlosen Wesen, die der Allheilige unter der Sonne erschaffen hat, es nicht vermögen, alle Dinge der Welt auszusprechen oder zu schauen oder zu hören. Dies wollte König Salomo, der alles wußte, mit jenem Satze aussprechen. Und merke auch, daß alle Tatsachen der Welt von so vielen höheren Wesen abhängen — nur die Kinder der Welt wissen es nicht und achten nicht dessen, worauf die Welt besteht. So daß selbst Salomo, der weiser war als alle Menschenkinder, darin nicht zu bestehen vermochte. Und wieder begann Rabbi Chija mit folgendem Schriftsatze (Kohelet 3, 11): „Alles hat er schön zu seiner Zeit gemacht, sogar die Welt gab er in ihre Herzen, ohne daß der Mensch das Werk ergründete, das Gott getan, von Anfang bis zum Ende." „Alles hat er schön zu seiner Zeit gemacht" — das heißt: bei allen Werken, die der Allheilige in der Welt vollbracht hat, ist über jedes eine höhere Wesensstufe gesetzt, zum Guten oder zum Schlimmen. Wendet sich der Mensch zur rechten Seite, dann waltet über seinen Handlungen die Wesensstufe der rechten Seite und leiht ihm Beistand — wendet er sich aber zur linken, dann waltet über seinen Handlungen die Wesensstufe der linken Seite und tritt als Ankläger gegen ihn auf, um ihn nach jener Seite zu verführen. Wenn aber die Handlung des Menschen richtig ist und von der rechten Seite Beistand findet, dann ist dieses genannt „in seiner Zeit". Und „schön in seiner Zeit", weil diese Handlung dann die richtige Verbindung findet. Und „sogar die Welt gab er in ihre Herzen" — das heißt: die ganze Welt und alle Tatsachen der Welt richten sich nach der Wahl des menschlichen Herzens. Heil den Geläuterten, die gute Werke heranziehen, um Gutes zu bereiten für sich und für die ganze Welt — sie wissen sich anzuschließen der „Zeit des Friedens" und den Heerscharen der lauteren Tat, welche nach unten wirken. Sie ziehen jene Stufe heran, welche genannt ist „alles", damit diese Licht gebe „zu seiner Zeit". Wehe um die Schuldigen, welche nicht die „Zeit" ihrer Handlungen wissen und nicht dessen achten können, ihre Werke in der Welt zu tun nach den Gesetzen der Welt und in das Gesetz jener Stufe einzustellen, welche hierzu gehört, weil sie es nicht wissen. Es wurde aber alles in den Willen des Menschen gelegt, „ohne daß der Mensch das Werk ergründete, das Gott getan, vom Anfang bis ans Ende". Denn die Werke des Menschen werden nicht getan, um Ordnung herzustellen in ihren höheren Stufen und sich in diesen zu vollenden; ihr Grund ist nicht in dieser gesetzlichen Ordnung zu suchen, sondern in jener Stufe, in der die Wahl des Menschen wirkt. Deutsch von Ernst Müller