Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Eine unnötige Sorge
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 196 (sequence 2)
- Language
- German
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196 Bemerkungen wird doch wohl, wenn sie etwa die Kultur des deutschen Volkes zu erörtern beabsichtigt, sich über den Inhalt dieses Begriffs nicht gerade von einem literarischen Vertreter des rechten Zentrumsflügels belehren lassen. Warum will sie es mit der Kultur des jüdischen Volkes anders halten? Die Sorge ist unnötig. Unnötig die um die religiöse Kulturtradition" (worunter offenbar die überlieferte Ritualität zu verstehen ist), da für deren Erhaltung ein noch so weltlicher Judenstaat denn doch wohl größere Gewähr bieten dürfte als die Staaten, unter deren Herrschaft sie sich bisher erhalten hat. Erst recht unnötig die Sorge um das religiöse „Kulturideal", das wir im Gegensatz zum Artikelschreiber nicht mit der „Kulturtradition" zu identifizieren vermögen, denn ein Kulturideal, sei es ein religiöses oder ein anderes, kann seinem Begriff nach nur lebendige Entwicklung und nicht Verharren des Bestehenden bedeuten; wo aber könnte lebendige religiöse Entwicklung im Judentum sich eher vollziehen als in der Freiheit eines jüdischen Gemeinwesens inErez Israel? Ja, es will uns scheinen, daß es dies eigentlich ist, was der Artikelschreiber befürchtet: nicht daß das jüdische „Kulturideal" in Palästina ausgeschaltet werden, sondern daß erst dort der Kampf zwischen ihm und der „Kulturtradition" wahrhaft ausgetragen und in diesem Kampf das Ideal obsiegen könnte — welcher Sieg keineswegs den Untergang, vielmehr gerade die endgültige Auslösung der echten Tradition, freilich zugleich deren Entkrustung involvieren würde. Die Frankfurter Zeitung aber wird doch wohl, wenn sie etwa den Kampf zwischen dem Ideal und der Tradition im Christentum unserer Zeit behandelt, nicht die Sache der Tradition gegen die des Ideals führen. Warum will sie es hier tun? Die Sorge ist unnötig. Denn was ist das für eine „religiöse Kultur" des Judentums, an der die Menschheit so großes Interesse hat, daß sie um ihretwillen das jüdische Volk dauern wissen möchte? Ist es wirklich ein seit Jahrzehnten abgeschlossenes Gut, eine umzäunte Ordnung unabänderlicher Formen und Normen, woran ein menschheitliches Interesse solcher Art besteht? Oder ist das, was am Judentum die Menschheit einzig zu innerst angeht, nicht vielmehr die schöpferische Religiosität des Judentums, die nicht erloschen ist und nicht erlöschen kann, ist es nicht seine unerschöpfliche religiöse Potenz? Nicht als Erbe einer heiligen Vergangenheit, sondern als Bürge einer heiligen Zukunft ist der Jude der Menschheit unersetzlich. Und sollte sich seine Schöpferkraft unter anderen Bedingungen so entfesseln und so zusammenraffen, so läutern und so rüsten können wie in der Freiheit eines jüdischen Gemeinwesens in Erez Israel? Warum ist die Frankfurter Zeitung nur gerade hier nicht für die Grundlage der Freiheit? Die Sorge ist unnötig. Die krass opportunistische Außenpolitik eines großen Teils der Orthodoxie in den polnischen Gebieten hat deutlich genug gezeigt, wie sehr ein Volk oder ein Volksteil, „dessen Reich gleichsam nicht von dieser Welt ist", allen politischen Einflüssen, sogar so niedrigen, wie sie bei — galizischen Wahlen geübt werden, offenstehen kann. Unser Reich aber ist freilich von dieser Welt: weil wir in dieser Welt, in all ihrer Weltlichkeit, den göttlichen Sinn ausprägen wollen; weil wir in einem Lande dieser Welt, in unserem Lande, das gottbezogene Leben, das ist das Leben wahrer Menschengemeinschaft begründen wollen; weil wir nicht bloß in der Sphäre, die man die religiöse zu nennen pflegt, sondern in allen Einrichtungen unserer Gesellschaft, und auch in ihrem Verhalten zu den Völkern und Staaten der übrigen Menschenwelt, somit in ihrer „inneren" und ihrer „äußeren Politik", die göttliche Wahrheit walten lassen wollen — nach unserem besten Können. Und wenn wir dies mit allem Ernst beginnen, dann — freilich auch nur dann — dürfen wir hoffen, daß nicht die Politik dieser Welt auf uns, sondern wir auf sie Einfluß ausüben werden, kraft des jüdischen Kulturideals, das in uns lebt. Darf die Frankfurter Zeitung dieser unserer Hoffnung, die keinem, der um das jüdische Ideal wahrhaft weiß, vermessen erscheinen wird, ihre Sympathie versagen? Martin Buber Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Max Mayer, Berlin W 1$, Düsseldorfer Straße 23. — Für Österreich - Ungarn: Dr. M. Präger, Wien I, Rotenturmstraße 22. — Verlag von R. Löwit, Berlin und Wien. — Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig,