Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Tagebuchblätter aus Whitechapel
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 175 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Tagebuchblätter aus Whitechapel 175 der sterilen Stellung zu ihrem Eigenschicksal auch nicht vom Proletariat anderer Konfession und Rasse. Aber so sehr sich hier eine Identität proletarischen Erkennens ergibt, so besteht eine unergründliche Sonderheft wiederum bei diesen Menschen der Sweatshops, die in einer unverständlichen Härte ihr Brot verdienen, die unter entsetzlichen Bedingungen ihr Leben fristen und dennoch in den Stunden der Ruhe sich zu illustrer Geistigkeit finden, die ein Gefolge ihrer alten Tradition ist So schließt sich der Kreis alten Schicksals und ihrer Gegenwart — und zwischen die Harmonie dieser Welt schiebt sich nur der Keil jener ein, die noch da sind und doch nicht mehr, die den Kaftan noch tragen und doch nicht mehr, jener Bürger von Whitechapel, die zwischen den Rassen schwanken. Die Wohlfahrtseinrichtungen in Whitechapel legen Zeugnis ab von der Beziehung zwischen den Londoner Juden und den jüdischen Bewohnern Whitechapels. Kinderheime und Wöchnerinnenhäuser, der Board of Guardians als größtangelegte Wohltätigkeitsorganisation wetteifern miteinander, das Schicksal der Whitechapler Juden so angenehm wie möglich zu gestalten. Aber sie gehen dem Kern des jüdischen Problems aus dem Wege. Und mißverstanden die jüdische Bewegung, wie sie Israel Zangwill efnst auf dem denkwürdigen Basler Kongreß mißverstand und wie es der Baron Hirsch tat. Denn die jüdische Wohltätigkeit vermag das Schicksal des armen Juden nicht zu erledigen. Und tausend Boards of Guardians vermöchten nicht die Juden von ihrem dumpfen Whitechapel-Schicksal zu erlösen, so wenig es die Millionen des Baron Hirsch vermochten, die Unendlichkeit des jüdischen Wanderns, das Ahasverschicksal zu beseitigen. Vielleicht war es — fiel mir ein, als ich durch die sauberen Räume eines dieser jüdischen Kinderheime ging — eine entscheidende Stunde, als der arme, unbekannte Wiener Journalist Theodor Herzl den reichen, bekannten Baron Hirsch um eine Unterredung bat und ihm klarlegte, daß e r nicht die Möglichkeit habe, das jüdische Los zu bessern und eine dauernde Erledigung dieses Problems herbeizuführen. Sondern daß das nur Beruhigungsmittel seien, die die Lösung und die unendliche Sieghaftigkeit der jüdischen Vitalität noch verschieben, sie nicht aber auf die Dauer unterdrücken können. Und indem man durch diese Wohlfahrtseinrichtungen des Whitechapel geht, denkt man an Analogien: auch die soziale Gesetzgebung hat das Arbeiterproblem nicht gelöst, auch die Krankenkassengesetze haben den Gegensatz zwischen dem Proletariat und dem Kapitalismus nicht in Rauch aufgehen lassen — sondern vermochten nur aktuell und vorübergehend den Gegensatz abzuschwächen; und so wird auch das jüdische Problem — das in der eigenen Beschaffenheit des jüdischen Geistes wurzelt — nicht durch die schönsten Aufenthaltsräume für bedürftige Juden gelöst. Und so gehen auch die Westjuden Londons, die Bourgeois der Hampsteadstraßen, an dem vorbei, was sich im Osten Londons an jüdischem Leben noch erhalten hat. Vielleicht sogar — wie ich vielfach beobachtete — sträuben sie sich dagegen, daß sich hier ein Staat im Staate bilde. Sie wollen nicht in einem Augenblick, wo das Jüdische von ihnen abzufallen sich anschickt, ständig daran erinnert werden, daß dieses Jüdische sich gleichsam noch in der reinen Klarheit des Ursprünglichen überliefert hat. Sie wollen nicht ständig daran erinnert werden, daß es noch Denkmäler gibt, die in einer unverbrüchlichen Treue das in die Gegenwart herübergerettet haben, was nach ihrer eigenen Aussage längst vorbei, vergessen und verschollen ist. Und so bietet Whitechapel nicht