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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 12 · p. 776

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 12
Article
Vox clamantis [Rezension]
Date
1917-01-01
Page
776 (sequence 2)
Language
German
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776 Bücherschau versetzen ihren Schmerz in vergangene Wesensarten, veredeln ihn so und berauben ihn seines giftigen Stachels. Von der schützenden Warte der Jahrhunderte betrachtet die befreite Seele ihre Leiden wie im Traum, und sie weiß nicht mehr, ob sie gegenwärtig oder vergangen sind. Der „Jeremias" Stefan Zweigs*) erscheint mir zurzeit als das schönste Beispiel jener hehren Schwermut, die durch das blutige Drama von heute die Ewigkeitstragödie der Menschheit erschaut. Nicht ohne Kampf gelangt man in diese lichtvollen Zonen. Da ich Zweigs Freund vor dem Krieg gewesen und sein Freund geblieben bin, war ich Zeuge der Leiden dieses freien, europäischen Geistes, den der Krieg allem entrückte, was ihm sein Teuerstes und Bestes war, seinen Freundschaften, seinem künstlerischen und menschlichen Glauben; er beraubte ihn jedes Lebenswertes. Die Briefe, die ich im ersten Kriegsjahre von ihm erhielt, entschleiern in tragischer Schönheit diese verzweifelte Zerrissenheit. Langsam kehrte ihm angesichts der Ungeheuerlichkeit der Katastrophe und der Gemeinsamkeit des allgemeinen Duldens die Ruhe zurück, die sich dem Schicksal beugt in der Erkenntnis, daß das zu Gott führt, der die Einheit der Seelen ist. Als Jude von Rasse hat er aus der Bibel seine Inspiration geschöpft. Es fiel ihm nicht schwer, Beispiele zu rinden für ähnlichen Niedergang von Völkern, Verfall von Reichen und von heldenmütiger Geduld. Die Gestalt, die ihn besonders anzog, war die des schimpfüberladenen Propheten jenes schmerzlichen Friedens, der auf den Ruinen erblüht: Jeremias. Er hat ihm ein dramatisches Gedicht gewidmet, das eines der edelsten Werke des modernen Theaters ist. Das Drama ist in neun Bilder eingeteilt; es ist in Prosa verfaßt, gemengt mit freien oder gebundenen Versen, je nach der sich steigernden oder sich meisternden Leidenschaft. Die Form ist ausladend, zuweilen die der Predigt, die Entwicklung des Gedankens zwar mächtig im Gleichgewicht, gewänne aber durch einige Kürzungen, die dem Ausdruck ein wenig mehr Zufälligkeit verleihen würden. *) Leipzig, Inselverlag 1917. Dem Volk ist in der Handlung eine bedeutende Rolle zugewiesen. Seine Rede durchkreuzt sich, stößt in Widerspruch gegeneinander, am Ende vereinigt sie sich zu Chören in gebundenen Strophen, die vom Geist des Propheten, des Wächters Israels angeführt sind. Der Dichter verstand es gleicherweise Archaismen und Anachronismen zu vermeiden. Wir finden unsere heutigen Sorgen wieder in dieser Epoche des jerusalemischen Verfalls, aber in der Art, in der die großen Gläubigen der letzten Jahrhunderte täglich in ihrer Bibel das Licht, das ihren Weg erleuchtete, und die Stimme, die ihre Kleinmut zerriß, aufsuchten und auffanden. Sub specie aeternitatis. „Jeremias ist unser Prophet", sagte mir Stefan Zweig; „er hat für uns gesprochen, fürunser Europa. Die andern Propheten sind zu ihrer Zeit gekommen. Moses hat gesprochen und gehandelt. Christus ist gestorben und hat gehandelt. Jeremias hat vergeblich gesprochen. Sein Volk hat ihn nicht verstanden. Seine Zeit war nicht reif. Er konnte nur die' Ruinen voraussagen und sie beweinen. Er hat nichts verhindern können. So auch wir". Aber es gibt Niederlagen, die fruchtbarer sind als Siege, und Leiden, die leuchtender sind als die Freude. Das Gedicht Zweigs zeigt es mit Größe. Im lösenden Ende des Dramas zieht das zerschmetterte Israel seine in Ruinen verfallene Heimstadt verlassend ins Exil, durch die Zeiten, erfüllt von einer innern Freude, die es nie gekannt, erstarkt an den Opfern, die ihm das Bewußtsein seiner Mission bescherten. Ein großherziger Künstler hat hier das Beispiel der überragenden Freiheit des Geistes geschaffen. Andere stellen sich Angesicht zu Angesicht gegen die Verbrechen der Zeit, sie messen sich mit der Macht, die sie vernichtet; ihre bittere Auflehnung reißt sich blutig an den Hindernissen und trachtet sie zu brechen. Hier sieht die gefriedigte Seele den tragischen Strom der Gegenwart vor sich hinziehen; und sie erbost sich, quält sich nicht mehr, weil sie den Lauf der Strömung bis ans Ende überblickt- Sie mengt sich den jahrhundertstarken Kräften, dem geruhigen Geschick, das sie in Ewigkeit zu schreiten weist. Romain Rolland Mitteilung der Redaktion Zu unserem Bedauern haben wir auf die Veröffentlichung der auf S. 833 des L Jahrgangs angekündigten zweiten Aufsatzfolge Jakob Klatzkins aus Raumgründen verzichten müssen. Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Max Mayer, Berlin W 15» Düsseldorfer Straße 23. — Für Osterreich - Ungarn: Dr, M, Pläger, Wien I, Rotenturmstraße 22. — Verlag ron R. Löwit, Berlin und Wien. — Druck von Oscar Brandstetter in Leipzigt

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