Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Ein Fallstrick
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 775 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Bücherschau 775 Ein Fallstrick Judentum ist Religion, fühlte der gläubige Jude und dehnte sein Judentum aus, so uferlos weit und so abgrundtief, wie weit und tief sein Glaube selbst gewesen war. Judentum ist Religion, erwiderte der aufgeklärte Jude, also hat das Judentum im Geistesleben seines Trägers nur einen solchen Platz zu beanspruchen, wie ihn die Religion im Geistesleben eines aufgeklärten Menschen zu beanspruchen hat. Judentum ist Religion, wiederholte der um die Emanzipation kämpfende Jude, folglich ist der Jude außerhalb des Bereiches der Religion nicht mehr Jude. In der Einschränkung des Judentums schloß sich der Kreis. Judentum ist Religion, warnte von neuem der sein Judentum heiß liebende Orthodoxe, daher hütet euch, an der Religion zu rütteln und zu deuteln, denn ihr deutelt dann und rüttelt an dem Judentum selbst. Judentum ist Religion, erwiderte der strenge Prediger der Reform, also muß das Judentum von all den Werten und Gebräuchen, die seiner unwahren völkischen Auffassung entstammen, sorgfältig gesäubert werden. Judentum ist Religion, wiederholten die immer wachsenden Scharen der von der Religion losgerissenen Intellektuellen, folglich gibt es für uns, für die es keine Religion mehr gibt, auch kein Judentum mehr. In der Aufhebung des Judentums schloß sich von neuem der Kreis. Was einst so segensreich zu werden schien, wurde zum Fallstrick. Jetzt und besonders für manche von jenen, denen die Stunde geschlagen liat, Gott zu suchen, scheint von neuem der Ruf der Zeit zu ertönen: Kehret zum Judentum zurück, denn es ist Religion. Freunde, seien wir vorsichtig mit diesem auferstehenden Ruf, daß er uns nicht wieder zum Fallstrick werde. Das neue, die Regeneration ersehnende Judentum empfindet die verhängnisvolle Konsequenz dieses immer wieder auftauchenden Identitätsur teils und erkennt auch die Relativität seines Wahrheitsgehaltes. Denn selbst dem im Glauben aufgehenden Juden erscheint sein Judentum nur deswegen bloß als Religion, weil auch in seinem Menschsein nichts vorhanden ist, was außerhalb seiner Religion stünde. Und darauf kommt es an. Denn nur das allein ist es, womit das Judentum identisch war und identisch werden will: das volle Menschsein seines Trägers. R. Salman BUCHERSCHAU Vox clamantis (Jeremias von Stefan Zweig) Nach dem starren Schrecken der ersten Kriegszeit ergrünte von neuem die Kunst. Der unaufhaltsame Sang der Seele quoll aus ihrem eigenen Schmerz hervor. Der Mensch ist nicht nur, wie er so gerne sich rühmt, ein Geschöpf mit Vernunft (oder vielmehr mit Unvernunft) begabt; er ist auch ein Wesen, das singt. Sein Singen ist ihm ebenso unerläßlich wie sein tägliches Brot. Die Prüfungen dieser Zeit beweisen das. Obgleich uns der allgemeine Mangel an Freiheit in Europa wahrscheinlich die tiefsten Tonwerke, die wahrhaftigsten Bekenntnisse noch vorenthält, hören wir schon aus allen Ländern mächtige Stimmen, die einen, die geradeaus von den Armeen kommend, das düstere Epos vertonen, wie „Das Feuer" von Henri Barbusse und die herzzerreißenden Novellen von Andreas Latzko: „Menschen im Kriege". Andere sprechen vom Schmerz und Schrecken jener, die zurückgeblieben sind, die dem Hinschlachten beiwohnen, ohne daran teilzunehmen und die untätig, um so mehr der Zweifel Gedanken und Qual ausgeliefert sind: so die leidenschaftlichen Gedichte von Marcel Martinet (Die verfluchten Zeiten) und P. J. Jouves (Ihr seid Menschen) Gedichte gegen das große Verbrechen; besonders bewunderungswert in seinem „Totentanz". Weniger empfindsam für die Leiden und stärker bemüht, zu verstehen, haben englische Romanschriftsteller wie H. G. Wells (Herr Britling sieht endlich die Wahrheit) und Douglas Goldring (Das Glück) mit Einsicht die Irrtümer und Beängstigungen analysiert, von denen sie umgeben und denen sie selbst unterworfen waren. AndereGeister flüchten in das Schauspiel der Vergangenheit und finden in ihm denselben Kreis des Übels und der Hoffnungen wieder (Die ewige Wiederkehr). Sie