Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Nationale Ideologien im Judentum der Gegenwart
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 750 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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750 Bernard Tag: wagte, da hielt ich mich für einen Einsamen, der einen alten und verschollenen Ruf neu ausstieße." Diese prächtige Selbstcharakteristik Herzls darf uns nur nicht den besonderen Zweck vergessen machen, warum wir hier seine Worte so ausführlich anführen; sie belegen es als ein aufrichtiges Bekenntnis, daß Theodor Herzl zum Judentum von außen herankam; daß in ihm ein ernster Wille zum Judentum drängte, nicht aber — um es schroff auszudrücken — Judentum selber. Dies war und drängte und glühte — von anderen zu schweigen — in Birnbaum, in Achad Haam. Theodor Herzls Willen zum Judentum stand hier nicht nur ein gleich starker Wille gegenüber; hier war noch anderes; hier war ein tieferes, ursprüngliches Gefühl des Judentums, ein tieferes Sich-Bewußt-Werden des Judentums, und daher eine tiefere Grundlegung seiner nationalen Art und Eigenart. Nun können wir einen Schritt weiter gehen. Ihr Recht auf Opposition gegenüber Theodor Herzl holten sich beide nicht bloß aus ihrer geschichtlichen Priorität in der Frage des Judentums, sondern ebenso sehr und vor allem aus dem Quellpunkt dieser Priorität; der war bei beiden der Geist des Judentums; und bei Birnbaum war es wohl auch schon der ungestüme Herzschlag seiner ersten Liebe — zur Seele des jüdischen Volkes: er hatte sie nur eben entdeckt, diese Seele. Gibt es zwei Menschen, zwei jüdische Menschen, die in ihrem brennenden Eifer für das Judentum sich so sehr gleich sind, und sich dennoch in ihrem ganzen Wesen so scharf voneinander scheiden wie Achad Haam und Nathan Birnbaum? Schärfe, kritische Schärfe ist bei beiden die eine Wurzel ihrer Natur; sie sind die geborenen Kritiker. Achad Haams klassische Randglossen zur zionistischen Bewegung und Nathan Birnbaums rücksichtslos wühlende Problematik gehören wohl in den eisernen Bestand unserer nationalen Ideologien.*) Aber ihr Kritizismus ist, wie wir sagten, nur die eine Wurzel ihrer Natur; ihr jüdischer Positivismus ist gleich stark, wenn er auch nicht bei beiden von gleicher Gestaltungskraft ist. Das positive Judentum Achad Haams zentriert in dem einen Grundgedanken, dem er in immer neuen Variationen Ausdruck gibt: der Geist des Ju dentums, in der individualen Strahlung Achad Haams, leuchtet hier in verhaltener Glut, gespeist von den unerschöpflichen Quellen biblisch-talmudischer Überlieferung. Und wunderbar ist die Naivität Achad Haams, der ganz versunken im Anschauen des ,,ner tomid", des ewigen Lichts**, es gar nicht zu merken scheint, wie modern in manchem Stück das edle Gefäß ist, das sich unter seinen kunstreichen Händen formt und zur Aufnahme bereit hält für jenes ewig flammende Licht des Judentums. Wem fiele beim Lesen der Schriften Achad Haams die tiefernste Gläubigkeit nicht auf, die er wissenschaftlich gefärbten, fastmöchte man sagen, banalen Gedankengängen westeuropäischen Stils entgegenbringt, besonders Spencers, um sie als Richtlinien zu benützen, oft gar als tief geschlungene Analogieen mit seiner grundjüdischen Denkart zu verweben. Sie wirken gerade auf den westeuropäischen Sinn abkühlend und ernüchternd — es sei denn, daß der Geist der hebräischen Sprache auch diese Kühle und Trockenheit in seelische Wärme schöpferisch wandelt, was ich zu beurteilen nicht in der Lage bin. Sicher ist, daß sich darin *) Vgl. Achad Haam. Am Scheidewege, Berlin 1913, 1916, und Dr. Nathan Birnbaum (Mathias Acher) Ausgewählte Schriften. Zur jüdischen Frage, Czernowitz 1910.