Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Jüdische Besinnung
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 719 (sequence 2)
- Language
- German
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Bücherschau 719 Und daher auch — weil ja jedes plötzliche Besinnen auf einen ideellen Ursprung geistige Umwertungen notwendig macht: — zum Problem. Man ist von der Schwere dieser Idee vor allem überrascht; fast auch befremdet; diese plötzliche Apperzeption dessen, was bisher als dunkles Gefühl in mythischen Zusammenklängen verborgen war, hat ungeheure Geisteskräfte bewegt, und diese Bewegung ist im Begriff, sich nun auch zur Tat zu steigern. Die Stellungnahme für und gegen das Judentum war in der letzten Zeit zum politischen Argument verflacht; erst die Idee hat das Judentum in das Reich geistiger Probleme zurückführen können. Und diese gesteigerte Geistigkeit verhilft dem Problem zu den notwendigen Abstraktionen vom Stofflichen der konventionellen (also auch politischen) Anschauungen. Sie erhebt das Problem aus der irdischen Verzerrtheit der Politik in die reinere Perspektive einer Metapolitik. Die neue Besinnung auf den Geist des Judentums stützt sich weder auf das konfessionelle Argument des „auserwählten Volkes", noch auf das psychologisch-historische einer „jüdischen Kultur". Sie weiß aber, daß eine lebendige Idee nicht mit Argumenten gestützt werden muß; sie erlebt sich — Pidee pour l'idee! — selbst und ist sich selbst genug. Ziel und Ursprung zugleich, sucht sie weder Ziel noch Ursprung zu ergründen; sie vergeudet sich nicht an psychologische Spekulationen und ist auch über das Stadium der sozialen Orientierung fast schon hinaus. Diese Besinnung auf ein latentes Geisteserlebnis ist fast schon die „Tat". Darauf kommt es an: eine Bewegung ist lebensfähig, wenn sie schöpferisch ist; wenn das Wort, das sie verkündet, Tat ist und Tat wird. Die neue jüdische Besinnung ist nicht nur religiös; aber sie schließt das Religiöse in sich ein und geht darüber hinaus. Deshalb ist ihr auch jede Form und jede Art von Religiosität wertvoll; sie hat die chassidische Bewegung in sich aufgenommen und wird auch der Kabbala noch gedenken müssen und aller jener krausen Offenbarungen jüdischen Geistes, dieman wohl „dieGotikdes Judentums" nennen darf. Aber diese neue Besinnung auf den Geist des Judentums darf keineswegs psychologischen Methoden verfallen, wo ihr die Hilfsmittel der Metaphysik zur Verfügung stehen. „Denken" ist eine Abstraktion der Tat ins Metaphysische hin; die jüdische Besinnung unsrer Tage ist im Gedanken erschaffen und wirkt als Geist in unsrer Zeit. Paul Hatvani BUCHERSCHAU Bagdad und Suez Wer sich in die Geschichte der Völker vertieft, wird immer wieder zu der Erkenntnis geleitet, daß ein gut Teil des geschichtlichen Geschehens durch die geographischen Gegebenheiten und die sich auf ihnen aufbauenden Linien von Verkehr und Wirtschaft fest vorbestimmt ist. Freilich muß man hierbei vom Menschen als dem Träger der Geschichte in einem gewissen Umfang absehen; aber man kann das in vielen Fällen ohne Schaden, ja manche Zusammenhänge lassen sich erst bei solcher Betrachtungsweise ganz klar und scharf herausarbeiten. Man muß nur Zeiten und Räume der Geschichte in genügend weitem Ausmaße umspannen, um hinter dem bunten Vielerlei das große Gesetzmäßige sich abheben zu lassen. Einen solchen Rundblick um die Geschichte des Alten Orients wirft Heinrich Margulies in einer Studie „Der Kampf zwischen Bagdad und Suez im Altertum".*) Seine Darstellung ist wie ein riesiger Karton in Umrißzeichnung. Er gibt keine Einzelheiten und zeigt nicht die bunte Farbigkeit des Gemäldes; aber er bietet dafür um so klarer und reiner die große Linie der Bewegung, den dramatischen Atem des Geschehens und die Symmetrie der Massen. Vom Kraftzentrum Babylon gehen Energielinien aus, mit dem Ziele, die bekannte Welt des Altertums in ein einheitliches Verkehrsgebiet auf geldwirtschaftlicher Grundlage zusammenzufassen. Der stärkste Widerstand gegen diese Expansion erwächst aus einem zweiten Zentrum hoher Kultur, Ägypten. Ein Jahrtausend dauert der Kampf der beiden Gewalten; dann siegt Babylon unter flen letzten Assyrerkönigen, noch nachhaltiger! in der persischen Universalmonarchie. Babylon und Memphis, modern gesprochen: Bagdad und *) Deutsche Orient-Bücherei, Heft 21. Verlag Gustav Kiepenheuer, Weimar.