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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10-11 · p. 718

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 10-11
Article
Uriel Birnbaum
Date
1917-01-01
Page
718 (sequence 2)
Language
German
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7i8 Bemerkungen doch eine nationale Note geben, so mußte dazu das Stoffliche herhalten (ein Tischahbeaw ebenso gut wie ein Avarenzug) oder eine äußerliche Drapierung durch Nationaltrachten oder nationale Symbole. Hierin besteht im wesentlichen die nationale Kunst aller „erwachenden" Völker, die sich eine ad hoc schaffen. Schwerlich kann es hier so etwas geben, wie die deutsche Kunst Böcklins im römischen Kleide, oder die deutsche Kunst Leibis im deutschen Kleide; deutsch dem Wesen nach, nicht durch das Kleid. Aber gibt es im jüdischen Leben keine Kunst, so soll es und wird es eine geben. Denn wir haben zu jüdischem Leben zurückgefunden, und ist Kunst unsere Sprache — so ist es jüdische Kunst. Einige wenige in diesem Sinne wahrhaft jüdische Künstler haben wir auch schon; jeder von uns kennt ihre Namen. Man wird ihnen den Uriel Birnbaums hinzufügen — nein einfügen unter denen, die an erster Stelle stehen. Er ist jüdisch in seinem Temperament: leidenschaftlich und besonnen, klug und naiv. Er ist jüdisch in seinem Geist: intellektualistisch und transzendent, der Erde zugewandt und gottgebunden. Er ist jüdisch in seinem Leben: mit seinem Volke in lebendiger Gemeinschaft, darf er allem sich hingeben, denn er kann sich nicht verlieren. So ist er ganz jüdisch auch dort, wo äußerlich nichts jüdisch scheint. Er selbst ist erst ein Anfang. Vor drei Jahren etwa trat er zuerst in Wien an die Öffentlichkeit mit farbigen Federzeichnungen, den „Visionen Daniels", die im Zeichnerischen noch teilweise unbeholfen, von einer ungeheuerlichen, überschäumenden Phantasie und einer reichen Gestaltungskraft Zeugnis ablegten. Dann, als österreichischer Soldat in verschneiten Schützengräben, nassen Unterständen, dunklen Kavernen, folgten Entwürfe auf Entwürfe, die in kurzen Urlaubsaufenthalten fieberhaft zur Ausführung kamen. Immer andere Techniken werden versucht, um das Unsägliche zu bannen, immer neue Gestaltungen, um das Unwirkliche zu konkretisieren. Die Linie muß ergeben, was sie an Eindringlichkeit besitzt, die Farbe, was sie an Aufrüttelung vermag. So entstanden umfangreiche Zyklen, einer „Vom Tode" und ein anderer „Gottes Krieg" benannt, es entstanden „Gestalten aus anderen Welten", Explosionen einer maßlosen und ungebändigten Phantasie. Manches ist nur ein Tasten, ein Versuch und mißgeboren; an solche Stücke darf sich der Kritiker nicht halten. Ich werde nicht das Unmögliche versuchen, das mit Worten wiederzugeben, was sich in Worte nicht fassen läßt. Man sehe, wozu sich in Kulturzentren wohl Gelegenheit finden wird, finden sollte*). Man wird überrascht sein, auch wenn man ihn vielleicht schon nach Andeutungen in ein Schema eingereiht hat. „Vom Tode" z. B. verhält sich zum gleichnamigen Zyklus Max Klingers wie das Werk eines jüdischen Propheten zu dem eines deutschen Gelehrten. Damit ist beileibe kein Werturteil ausgesprochen. Man mag hinzufügen: eines kleinen Propheten und eines großen Gelehrten. Aber immerhin: hier doziert eine Erkenntnis — dort schreit eine Forderung. So wie Birnbaum den Propheten gezeichnet hat: wie er von kahlem Felsen aus auf die Totenschädel zu seinen Füßen einschreit, um sie zum Leben zu erwecken, hoch gereckt, die Hände zum Himmel gestreckt, die Finger auseinandergespreizt, ganz ungeheure Spannung, als wollte er aus sich heraus das Leben reißen, um es den toten Knochen einzuflößen. Dies Blatt könnte als Frontispiz vor seinem Werke stehen**). Die Überzeugungskraft einzelner Blätter ist eine gewaltige. Ich kann mir denken, daß ein Kind unserer Zeit, allem religiösen Empfinden entfremdet, aber mit Verständnis für die Sprache der Linien und Farben, bei einem Blatt wie „Der Tod und der Ungläubige" erfaßt werde vom Urgefühl alles Religiösen, vom Urkeim aller Religion. — Nackt wie er aus dem Mutterschoß gekommen, kopfüber in das Leere stürzend, das Haupt mit starrem Blick zurückgeworfen, die eine Hand abwehrend abwärts von sich gestreckt, die andere ins Leere rückwärts greifend — vom Nichts ins Nichts — dies ist des Heiden Tod. Markus Reiner Jüdische Besinnung Als hätte es der übermächtigen Kräfteexpansion des Krieges bedurft, ist sich plötzlich auch das Judentum selbst zur Idee geworden.***) *) Einige Blätter waren kürzlich auf der österreichischen Ausstellung in Stockholm zu sehen. **) Damit ist allerdings eine etwas subjektive Darstellung gegeben; man wird, auch wenn man Schwächeres ausscheidet, einzelne Blätter (lyrische und balladeske Stücke) finden, die ihren Wert behalten, auch wenn sie in diese Tendenz nicht passen. ***) Dieser Satz darf m. E. nicht unberichtigt bleiben. Der Prozeß der geistigen Selbstbesinnung, den der Verfasser meint, hat lange vor diesem Krieg angehoben und hat seinen ideologischen Ausdruck vor diesem Krieg gewonnen. (Anm. d. Herausg.)

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