Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Regierungserklärungen
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 711 (sequence 1)
- Language
- German
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BEMERKUNGEN Regierungserklärungen Eine der ersten Forderungen des auf sein Volkstum sich besinnenden und nach Palästina zurückverlangenden Judentums war: die internationale Diskussion der Judenfrage. Getragen von Persönlichkeiten, die vom höchsten Idealismus erfüllt waren, vermeinte die junge jüdische Bewegung die Völker auf einer so hohen ethischen Stufe, daß sie glaubte, es müsse die Nationen danach verlangen, das Unrecht, das einem Volke in ihrer Mitte Jahrhunderte lang geschehen war, zu sühnen und das Schicksal dieses Volkes vom Standpunkt reiner Menschlichkeit aus umzugestalten. In festem Vertrauen auf die dauernde Gültigkeit von Völkerversprechen und Völkerbürgschaften strebte der Zionismusvnach völkerrechtlicher Sicherung. Die Völker aber, verstrickt in jene Eigensucht, die sie schließlich in den Krieg hineinhetzte, waren vom Streben nach der Lösung nationaler Fragen auf menschlicher Grundlage weit entfernt und blieben taub für die Forderung des Zionismus. Zwei Jahrzehnte lang blieb die Hoffnung auf eine internationale Diskussion der Judenfrage unerfüllt. Aber mitten im Kriege erleben wir es nun, daß die Mächte sich des nach Zion verlangenden Judentums erinnern und für die Erfüllung seiner Wünsche durch offizielle Erklärungen eintreten, die einer Verwirklichung des Basler Programms den Weg ebnen. Zuerst kam England, würdigte unbedingt die nationale Eigenart des jüdischen Volkes und seinen Anspruch auf Palästina und erklärte unzweideutig, daß es die Bildung eines jüdischen Gemeinwesens unterstützen wolle. Es folgte die Türkei mit einer nicht ganz so eindeutigen, aber immerhin mit einer Erklärung, die das Wichtigste enthält, dessen der Zionismus bedarf: Schutz der ungehinderten Entfaltung jüdischer Kultur, der freien Einwanderung in den Grenzen der Aufnahmefähigkeit des Landes und eine Reform des Verwaltungssystems, auf Grund deren die jüdischen Kolonien allmählich zur Selbstverwaltung gelangen müssen. Und schließlich erklärte Deutschland sein Einverständnis mit jedem einzelnen Punkte der türkischen Erklärung und sprach außerdem den Juden in allen Ländern, in denen sie eine starke Minderheit bilden, das Recht auf freie Entwicklung zu. Selbstverständlich ist nicht etwa eine plötzlich erwachte Menschlichkeit und Gerechtigkeit die Ursache dieser Besinnung auf die Rechte des Judentums. In einer Zeit, da völkerrechtliche Vereinbarungen zu leeren Worten, internationale Verträge zu Fetzen Papiers werden, hätte der Zionismus noch weniger Aussicht auf eine internationale Diskussion gehabt als zuvor, wenn er nicht plötzlich als „weltpolitischer Faktor" entdeckt und von den Mächten als ein Werkzeug ihrer eignen, imperialistischen Pläne aufgegriffen worden wäre. Erst nach dieser Entdeckung setzte das Liebeswerben der Mächte um den Zionismus ein. Gern nimmt dieser den Ausdruck des Wohlwollens der Regierungen in einem Augenblick, da die palästinensische Gemeinschaft schon aufs höchste bedroht schien, entgegen; aber da er — reifer geworden — zwar noch unverbrüchlich an das Kommen, aber nicht mehr an das Bestehen einer Menschlichkeit glaubt, die allein den heute gegebenen Versprechungen ewige Gültigkeit verleihen würde, da er die Verfolgung ihrer eigenen Interessen als Triebkraft für die Handlungen der Mächte erkannte, weiß er, daß die Konstellation sich von heute auf morgen so ändern kann, daß die Mächte das in diesem Augenblick wertvolle Werkzeug ihrer Ziele als nutzlos wieder fallen lassen. Schon die Tatsache, daß der Grad des Vorteils, den die Mächte sich vom Zionismus versprechen, den Wärmegrad ihrer Erklärungen bestimmte, gibt Anlaß zum Nachdenken. England in dem heißen Bemühen, entscheidenden Einfluß auf ein Gebiet zu gewinnen, das ihm als Hinterland für den Suezkanal und als Verbindungsbrücke auf dem Landwege nach Indien wertvoll dünkt, ergriff die Initiative, gab die wärmste, deutlichste Erklärung. Die Türkei, in deren Interesse es liegt, der Welt zu beweisen, daß sie auch ohne Zwang von außen den Bewohnern