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Der Jude · 1927-01-01 · Heft 10-11 · p. 634

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 10-11
Article
Die Eroberung Palästinas
Date
1927-01-01
Page
634 (sequence 2)
Language
German
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634 Martin Buber: Die Eroberung Palästinas Aber wie wird es sein, wenn uns Breiteres zu wagen gewährt wird? Wie gar, wenn die „Möglichkeiten" des Landes entdeckt werden? Wenn allerlei Leute von jenen, die nur nach „Unternehmen" wittern, sich herbeilassen werden, aus dem ganzen Lande ein großes Unternehmen nach dem Muster der erfolgreichsten europäischen und amerikanischen zu machen? Sie, die unfähig sind, die wahre Eroberung zu kennen und zu wollen, denen es genug ist an der Einnahme, der Einnahme durch das Geld, sie, die dem Haben gern alles Sein und Werden (diese Ideologien!) zum Opfer bringen? Wenn sie über das Land geraten —• wie wollen wir diesem heillosen Segen begegnen: dieser sonderlichen Heuschreckenschar, die überall, wo sie sich niederläßt, „Werte" und nichts als Werte erzeugt? Wie wollen wir der drohenden Tyrannei der sinnlosen, seelenlosen, leblosen Werte, die das Abendland (und vom Morgenland alles, was mitzumachen gelernt hat) dahin gebracht hat, wo es heute ist, dort, in Zion begegnen? Nicht anders, als indem wir die Diktatur des schöpferischen Geistes aufrichten. Die Diktatur des schöpferischen Geistes, dem sich alle Macht und Herrlichkeit der „privaten Initiative" zu beugen, dem sie zu gehorchen hat Des schöpferischen Geistes, der all der selbstsicheren Triebkraft des „wirtschaftlichen Aufschwungs" seine Gesetze diktieren wird. Deren erstes heißt: Gemeinschaft; dessen Niederschrift hat begonnen in der Grundsatzung des Jüdischen Nationalfonds, dem monumentum aere perennius der zionistischen Bewegung. Und deren zweites heißt: Arbeit; dessen Niederschrift hat noch nicht begonnen, es sei denn, man rechne dafür einige Proteste und einige Grabsteine da drüben. (Die anderen Gesetze sind heute noch namenlos.) * Arbeit; das ist nicht Betriebsamkeit. Das ist Werk Leibes und der Seele, Einsatz der ganzen Person. Das ist Liebeswirkung, fruchtbare Tat, Eroberung. In alten starken Zeiten raubte man sich die Braut. In späteren, schwächeren, kaufte man sie. Aber, noch einmal sei es gesagt, ob man sie raubt oder kauft oder sonst irgendwie bekommt, dieses Haben lügt; die wahre Werbung, Erwerbung muß erst danach beginnen. Als Räuber, als Käufer wird der Jude jenen andern, die das Land einnahmen ' und nicht eroberten, besetzten und nicht besaßen, nicht überlegen sein; nur als Arbeiter am Land wird er kraft seines Zusammenhangs mit ihm, kraft seiner Liebe zu ihm, kraft seiner Sehnsucht nach ihm vermögen, was ihnen versagt blieb und versagt bleiben muß: es zu erobern, indem er es erlöst. Diese dem Juden allein innewohnende Fähigkeit, das Land Israel zu erlösen, begründet die Forderung, die wir allen fremden Besitzrechten und Besitzansprüchen gegenüber erheben. Nicht den „historischen Rechtsanspruch**, diesen durch alle Gossen des Imperialismus und Chauvinismus geschleiften Mißbegriff, machen wir geltend, sondern den aus dem höchsten Menschenrecht fließenden, den Anspruch der Produktivität Wir sind die, die aus diesem Land sein Höchstes zu schaffen vermögen, wir allein: uns gehört es. Aber um so ungeheures Vertrauen heischen zu dürfen, müssen wir mit kämpferischem, rücksichtslosem Ernst die Forderung an uns selber stellen: den hindernden Ungeist des Merkantilismus zu besiegen und jenes Sein, das wir zu schaffen vermögen, nunmehr zu schaffen. Schöpferischem Geist, schöpferischer Arbeit, schöpferischem Opfer gilt die Forderung. Martin Buber

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