Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1916)
- Article
- Ein Dankeswort
- Date
- 1916-05-01
- Page
- 130 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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130 Bemerkungen nach dem Sinn wieder und so heischend wie vor zweitausend Jahren aus der gehetzten und richtungslosen Menschenwelt aufsteigt, erkannte er nun auch, daß das Werden eines neuen Judentums in einem bedeutsamen und noch unförmulierbaren Zusammenhang mit der Wiederkunft der Frage steht, und kündete mit getreuem Mund seine Erkenntnis. Und zum dritten: Deutscher nach Fichtes Sinn, Deutschtum als Aufgabe erlebend und bestimmend, schaut er mitten im Wirrsal dessen, was heute im Osten Europas geschieht, durch die Widersprüche des Augenblicks unbeirrt, eine Begegnung zweier Völker, eine verpflichtende Begegnung, und sagt es: heute sei vor der Weltgeschichte zum zweiten Mal, wie zum ersten Mal zur Zeit der Kreuzzüge, etwas wie Verantwortung für das Schicksal eines großen Teiles der Judenheit dem deutschen Volk übertragen worden. „Es bedarf eines tiefen Gedankens, eines großen Entschlusses, einer befreienden Tat." B. Der Lehrstuhl „Was allein aus dieser Sintflut unvergänglich auftaucht, das ist die Wissenschaft des Judentums" — tröstete Leopold Zunz vor neunzig Jahren sich und seine Freunde, nachdem er dem Versuche einer jüdischen Erneuerung jeden Erfolg abgesprochen hatte. Vor dem Raub der zersetzenden Tendenzen der neu anbrechenden Epoche sei nichts mehr zu retten. Sprache, Literatur, Schule, Selbstverwaltung, Lebensart — alles was als Ausdruck der eigenartigen Kraft im Judentum gelebt und das Leben geformt hat, müsse jetzt aufgegeben werden. Sogar an die heilende Wirkung der Religion glaubte er damals nicht mehr. „Dahin bin ich gekommen/* schrieb er, „an eine Judenreformation nimmermehr zu glauben; der Stein muß auf dieses Gespenst geworfen und dasselbe verscheucht werden." Das einzige, was jetzt recht gedeihen und blühen könne, was für unsere Kultur vielleicht eine neue Burg bedeute, die alle anderen aufgegebenen Festungen ersetzen könnte, werde nur die wissenschaftliche Ergründung der großen Vergangenheit sein; mit der Fackel der in der Außenwelt errungenen Kritik und Vernunft sollten die Labyrinthe des jüdischen „Leidens und Denkens" beleuchtet werden und der Weit wie uns selbst in ihrer wahrhaften Gestalt entgegentreten. An Stelle des verlorenen Glaubens an das jüdische Morgen, statt des unmöglich gewordenen jüdischen Heute, solle und werde die Kenntnis des jüdischen Gestern kommen. Dazu müsse nur die jüdische Intelligenz ihre Kräfte diesen Disziplinen widmen, und die äußere Weit, zu allererst die akademischen Behörden, diese Wissenschaft für gleichberechtigt erklären, sie im Konzert der wissenschaftlichen Disziplinen als ebenbürtig aufnehmen, indem sie ihr einen besonderen Lehrstuhl in den Universitäten einräumt. Diese Emanzipation der Wissenschaft des Judentums — meint Zunz — muß sogar der Emanzipation der Juden selbst vorangehen, vielleicht sie sogar hervorrufen. Dieser Traum von einem Lehrstuhl blieb wohl vor wie nach der Emanzipation unerfüllt. Sonst aber schien die Zunzsche Prophezeiung in der Tat verwirklicht worden zu sein. Was seine Verzweiflung betrifft — sicherlich, aber auch was seinen Trost anlangte Gerade in den erfolgreichsten Jahren der Assimilation wurde Deutschland zum Vaterland des jüdischen Wissens und unter der belebenden Feder seiner jüdischen Forscher wurde ein Blatt der jüdischen Vergangenheit nach dem anderen aufgerollt und mit Geschick und Talent der Wahrheit gewonnen. Wohl war diese Wissenschaft für manchen zu eng, vielleicht auch zu einseitig betrieben, aber die Erfolge waren überraschend und von dauerndem Wert. Ohne es eigentlich zu bezwecken, befruchtete später der wissenschaftliche Gedanke auch die Felder der jüdischen Gesinnung. Die elf Bände von Graetz haben im Original wie in den Übersetzungen in manchen Hinsichten vielleicht mehr als jedes andere Werk auf die Regeneration des nationalen Gedankens gewirkt. Bis alimähüch die Reihen dieser wissenschaftlichen Koryphäen im Westen lichter zu werden begannen. Jeder dahingeschiedene Gelehrte hinterläßt eine Lücke, die von niemand ausgefüllt wird. Neue, grundlegende Werke werden selten. Tiefgreifende und umfassende Probleme werden fast nicht mehr aufgestellt. Und es zeigte sich, daß die Wissenschaft des Judentums nicht bloß der fremden „Flut" ihr „Auftauchen" zu verdanken hatte, sondern in einem nicht geringeren Maße dem gesegneten Boden der jüdischen Ufer, die von den ersten Wellen dieser einbrechenden Flut benetzt und befruchtet wurden. Im Judentum waren die jüdischen Literaturquellen Gemeingut der Gesamtheit. In Deutschland erreichten die kritischen Methoden der historischen Wissenschaft ihren Höhepunkt- Der ersten Berührung dieser beiden Kräfte entsprang die Wissenschaft des Juden-