Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1916)
- Article
- Brief an eine Schülerin nach Galizien
- Date
- 1916-05-01
- Page
- 125 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3101111-3101112-8875861-3102824--0192-3102912- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Bemerkungen "5 wachsener Mann „zu lernen", wie Sie im Osten die Beschäftigung mit den höchsten religiösen Dingen so schön und echtjüdisch nennen. Nein, für derlei hat der gebildete Europäer bei uns keine Zeit. Dabei ist seine Ablehnung des Ernstes nicht einmal zynisch, denn zum Zynismus gehört doch zumindest Einsicht in den Wert der Dinge, die man mit Füßen tritt. Der Europajude aber tritt ganz bewußtlos, den Bück wie hypnotisiert in sein Hauptbuch gerichtet, auf seiner unsterblichen Seele herum; denn er hat von Jugend an nichts anderes gehört, als daß Geist und Seele nur nebenher, nur zum Spaß, als Luxus da sind und zum ausschließlichen Zwecke, um „zerstreut" zu werden. — Gut, auch die junge Westjüdin protestiert. Die Opposition der Kinder gegen die Eltern scheint ja auf einem Naturgesetz zu beruhen. Aber dieser westjüdische Mädchenprotest geht nur darauf aus, die „Zerstreuung", welche dem Vater Nebensache war, etwas mehr zu betonen, etwas wichtiger zu nehmen als er, etwas häufiger in Konzerte und Gemäldegalerien zu laufen, mitzukliuipern, mitzupinseln, etwas freier als die Eltern mitzuflirten. All dies aber spielt sich weit außerhalb jener Sphäre von Ernst und Einheitlichkeit ab, welche die junge Östjüdin gleichsam vom ersten Atemzug an in sich einsaugt und auch dann, wenn sie sich scheinbar gegen sie auflehnt, zu ihrem Glück nicht los wird. Ebensowenig wie die Pragerin aus dem Zirkel eines fiktiven unfrohen Pflichtlebens, gegen den sie protestiert, herauskommt. Und dabei hat unser glattes, problemloses und äußerlich so erfolgreiches Leben noch die. Gefahr, daß es eben infolge seiner Indolenz und Bequemlichkeit den schwächlichen Protest der jungen Westjüdinnen meist nicht einmal so weit heranreifen läßt, sondern alles in setner Decke von Schläfrigkeit, Ambition und Verdummung umnebelt und frühzeitig verdaut, auflöst, assimiliert, so daß wir den Typ der fünfzehnjährigen Salondame und Zeremonienmeisterin schaudernd heraufkommen sehen. — Der Segen der Religion dagegen ruht (so paradox das klingen mag) auch noch auf der hochwertigen Opposition, zu der sie in ilu*en Entstellungen reizt. Diese Opposition nämlich ist selbst etwas unverkennbar Religiöses und kann, richtig verstanden, niemals vom wahrhaften Kern des jüdischen Welt- und Glaubensgefühis abseitsführen, ja gerade darin Hegt ihre hohe Würde, daß sie von der Religion Leben empfängt und der Religion auch wieder neues Leben gebiert. Das sollen Sie, Hebes Fräulein, eigentlich nie vergessen und Gott danken, daß Sie in einem frommen strengen Hause aufgewachsen, wenn dies auch manchmal etwas unbequem ist. Die große Frage für Sie und Ihre ganze Generation, die heute so ungebrochen geistig und mit dem Abglanz des Himmels in den Augen vor mir steht, wird es aber sein, ob Sie die Kraft haben werden, in den nächsten Kindern den Geist ebenso würdig fortzupflanzen und neue Oppos sition, also neues Leben zu erwecken, wie cdie Religion jedenfalls getan hat; oder ob diese Atmosphäre geistiger Hochspannung mit Ihnen verlöschen wird, so wie es in den westlichen Gemeinden bereits geschehen ist. Ich denke, wenn jedes junge Mädchen, jeder junge Jude im Osten sich recht häufig vor diese ernste große Frage stellt: dann wird aus Entzücken und Bangen hervor jener größere, innerlichste Zionismus, den wir brauchen, geboren werden. — Ich verbleibe u. s. f. Max Brod Die Insel Der Petersburger Verlag „Tag" gibt seit kurzem unter den verschiedensten Titeln kleine Sammelhefte in zwangloser Folge heraus, die eine, besonders mit Rücksicht auf das allgemeine Verbot der hebräischen und jiddischen periodischen Veröffentlichungen beachtenswerte Publizistik enthalten. Einem Aufsatz des „Jüdischen Wortes", eines dieser Hefte, sind die folgenden Ausführungen entnommen, die die Frage der Erhaltung des nationalen Milieus unter den aus dem „Ansiedlungsrayon" ins Innere Rußlands gewaltsam verpflanzten Juden berühren. Wenn eine Masse an einen neuen Ort kommt, bringt sie die Atmosphäre mit sich, in der sie zuvor gelebt hat. Eine Masse ist ein Organismus; man kann sie ein wenig hin und her biegen, aber nicht brechen. Der Herr unserer Geschichte tut ein Wunder, daß er uns massenweise, gemeindeweise wandern läßt. Sonst würden wir nicht dem Sand^am Meeresufer gleichen, der keine Furcht vor den Weilen hat, sondern dem Staube, der vom kleinsten Wind zerstreut wird ... Ein Wunder, daß sich unsere Tränen, wenn man uns vom Hause jagt, scheffel- und nicht tropfenweise ergießen, und daß nicht jeder dann besonders sein Päckchen und Bündel auf die Schulter nimmt, sondern alle zusammen