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Der Jude · 1922-01-01 · Heft 9 · p. 578

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 9
Article
Deutschlands Judenpolitik
Date
1922-01-01
Page
578 (sequence 2)
Language
German
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578 Theodor Behr: Krieges nicht, auf die politische Öffentlichkeit Europas und Amerikas einen besonderen Einfluß zu erzielen. Sie mußten sich damit begnügen, als eine interessante Erscheinung betrachtet zu werden, die bestenfalls eine freundliche Aufmerksamkeit für sich beanspruchen konnte. Immerhin waren einige und nicht unwichtige Ausnahmen zu verzeichnen. England hat schon früh der zionistischen Bewegung gegenüber sein politisches Verständnis bewiesen, und indem es mit ihr in offizielle Verhandlungen wegen der Errichtung eines jüdisch-nationalen Zentrums unter englischer Oberhoheit (allerdings in Uganda) eintrat, schon 1904 gezeigt, daß es die zionistische Bewegung als einen Faktor von politischer Bedeutung ansah. Und Wilhelm II. hat seine Voraussicht für die künftige deutsche Orientpolitik auch dadurch bewiesen, daß er bei seiner großen Orientreise Theodor Herzl auf palästinensischem Boden empfangen hat. Aber das blieben Einzelerscheinungen, Augenblicksereignisse, denen bleibende Bedeutung nicht beigemessen werden konnte. Das interterritoriale Judentum selbst trat politisch vor dem Kriege nicht in Erscheinung, sei es, daß es in Rußland gebunden war, sei es, daß es, wie in Deutschland, England, Amerika, des national-politischen Zusammenhanges des Judentums noch nicht bewußt, oder, besser gesagt, noch nicht genügend organisiert war, um ihn zum Ausdruck kommen zu lassen. Es ist allgemein bekannt, wie sich diese Dinge im Kriege geändert haben. Die geschlossene nationalpolitische Einheit des jüdischen Volkes ist zur Tatsache geworden. In leidenschaftlichem Kampfe haben die jüdischen Massen Amerikas und Englands die assimilatorischen Führer beseitigt, die in dem Aufgehen der Juden mit ihrer Umgebung das Heil sahen und demgemäß den Begriff einer jüdischen nationalen Politik verabscheuten. In der großartigen Kongreßbewegung, wie sie zuerst in Amerika zum sieghaften Durchbruch gekommen ist, drückt sich das Verlangen des jüdischen Volkes nach einer einheitlichen nationalen Lösung der allweltlichen Judenfrage und der Organisierung des allweltlichen Judentums zu einem einheitlichen national-politischen Faktor aus. Im gleichen Sinne verläuft die jüdische Bewegung im befreiten Rußland. Überall ist das das Entscheidende, daß die Judenfrage nicht sowohl als eine rein menschliche und bürgerliche, sondern als eine nationale betrachtet wird, daß das jüdische Volk überall da, wo es in Massen gesiedelt ist, das nationale Selbstbestimmungsrecht für sich beansprucht. Und zwar verlangt es dies überall als eine Forderung, die der internationalen Regelung bedarf. Mit der gleichen Entschlossenheit wird die Forderung der Schaffung eines jüdisch-nationalen Zentrums in Palästina aufgestellt. In diesen Forderungen ist sich heute, darüber besteht kein Zweifel, das jüdisc1 e Volk in all den Ländern einig, wo es als Volk in Erscheinung tritt, in Amerika, in England, in Rußland. Aber auch in Polen. Das hat uriter anderem das Referendum gezeigt, das unter den Juden des Generalgouvernements Warschau jüngst vorgenommen wurde und bei einer verhältnismäßig schwachen und unausgebauten Organisation rund 300,000 Stimmen polnischer Juden und Jüdinnen (von über 17 Jahren) äut die Forderung des nationalen jüdischen Zentrums in Palästina vereinigte. Auch die Juden der neutralen Länder nehmen an dieser Bewegung in immer stärkerem Maße Anteil, und es ist in keiner Hinsicht übertrieben, wenn gesagt wird, daß sich die überwältigende Mehrheit der Juden in den Ländern der Entente und den neutralen Ländern für die Forderung der nationalen Lösung der Judenfrage in den Ländern jü-

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