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Der Jude · 1922-01-01 · Heft 9 · p. 577

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 9
Article
Deutschlands Judenpolitik
Date
1922-01-01
Page
577 (sequence 1)
Language
German
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IRI
…/3101111-3101126-3101134-3102731--1987-3102753
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DEUTSCHLANDS JUDENPOLITIK Unter Judenpolitik verstand man in Deutschland bis zum Kriege durchaus eine Angelegenheit der inneren Politik. Sie betraf die politische Behandlung, die Deutschland seinen jüdischen Einwohnern zuteil werden ließ. Diese Politik war darauf gerichtet, den Zusammenhang der jüdischen Deutschen mit dem Judentum und damit der Judenheit aufzulösen. Daraus entstand jene bekannte Verwaltungspraxis, die den jüdischen Deutschen im allgemeinen ihr volles bürgerliches Recht und ihre freie soziale Entwicklungsmöglichkeit ließ, mit der Einschränkung, daß sie zu den Stellen in Verwaltung und Heer, von denen aus praktische Einwirkung auf den Gang der Staatsmaschine möglich ist, nur zugelassen wurden, wenn sie vorher den äußeren Zusammenhang mit dem Judentum gelöst hatten. Niemand in Deutschland kam je auf den Gedanken, daß die Politik an den deutschen Juden jemals eine Frage von außenpolitischer Bedeutung werden würde. Die erkannte man nicht einmal da, wo die preußischdeutsche Judenpolitik an nichtdeutschen Juden sichtbar wurde, die sich in Deutschland aufhielten, — an den jüdischen Gewerbetreibenden aus Galizien und den jüdischen Studenten aus Rußland. Wenn sie aus Deutschland ausgewiesen wurden, so war dies eben nichts anderes als ein Akt der Fremdenpolizei, und auch die demokratischsten Leute in Deutschland sahen in dem berüchtigten Bülowschen Wort von den Schnorrern und Verschwörern nichts als eine antisemitische Äußerung, hätten durchaus nicht begriffen, wenn man dagegen aus Gründen der deutschen Außenpolitik Stellung genommen hätte, und ganz gewiß nicht, wenn diese Stellungnahme gegründet gewesen wäre auf die Rücksicht gegenüber dem alljüdischen Gemeinschaftbewußtsein. Wobei nicht unterlassen werden darf hinzuzufügen, daß sich die Stellungnahme der deutschen Öffentlichkeit, in diesem Punkte kaum von dem der deutschen Judenheit unterschied. Der Krieg hat diese Sachlage mit einem Schlage verändert. Plötzlich ist die Judenpolitik zu einer Angelegenheit der auswärtigen Politik des Deutschen Reiches geworden, und es kann nicht Wunder nehmen, daß unter solchen Umständen die maßgebenden Kreise sehr wenig vorbereitet der neuen Frage gegenübertreten. An drei Fronten wird das jüdische Problem für die deutsche Außenpolitik aktuell: in Palästina, in Rumänien und in Polen. An keinem dieser Punkte wird die auswärtige Politik des Deutschen Reiches der Frage gerecht, und überall aus gleichem Grunde: der Verkennung der Tatsache und der politischen Bedeutung der jüdischen Volksgemeinschaft und ihrer Wirkungsmöglichkeit auf die außenpolitischen Interessen des Deutschen Reiches. Man muß allerdings zugeben, daß die politische Geschlossenheit des jüdischen Volkes vor dem Kriege recht wenig in Erscheinung trat und bei weitem nicht so sehr, daß man eine besondere Rücksichtnahme auf sie hätte verlangen können. Es waren einzig die Zionisten, die diese Geschlossenheit darstellten und ihre Forderungen erhoben. Aber es gelang ihnen bis zum Ausbruch des Heft 9. 39

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