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Der Jude · 1922-01-01 · Heft 8 · p. 576

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 8
Article
Von der Kultur der "Budapester"
Date
1922-01-01
Page
576 (sequence 2)
Language
German
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576 Bemerkungen Podium sind die wahren „Budapester", sondern im Zuschauerraum. Wer an eine Assimilation der Juden glaubt, und wer sie gar ersehnt — bitte: mit unserer Emanzipation, unserer Freilassung, hat der Verdauungsprozeß begonnen, durch den Liberalismus, die Humanität, Freiheitlichkeit, Freisinnigkeit, Fortschrittlichkeit usw. zog sich der Verdauungskanal hindurch, bis er bei den „Budapestern" mündete; da ist der Assimilation — anständig ■ ausgedrückt — Endprodukt; besonders der Wiener Spielart. Eine jüdisch-menschliche Kultur ist hier gemacht worden, deren Jüdischkeit sprachlich durch ,,Mezieu, „Mischpoche", „Chamer" u. dgl. zum Ausdruck kommt, und deren Menschentum der verlotterten Presse gleicht, die es nährt. So ward eine Intelligenz großgezogen, die zusammen mit der an Verdienst (masculini generis) reichen wirtschaftlichen Oberschicht das Vorbild ist all jener, die im westlichen Judentum die Stelle der Masse einnehmen. Für sie gibt es keine Judenfrage, da ja z. B. ihr humanitärer Geselligkeitsverein „Einigkeit" wohl bei der Sammlung, nicht aber bei der Verteilung einen Unterschied der Konfessionen kennt, und sie ja auch beispielsweise in ihrem Stammcafe, einem der Mittelpunkte ihres Lebensbetriebes, den Antisemitismus nicht zu spüren bekommen. Ach, wie gemütlich und ungestört „sitzt es sich" und „spielt es sich" so darin! — Und diese gemütlichen Zustände, sind sie überzeugt, haben sie sich durch ihre unentwegte Modernität verdient. Und wenn so. z.B. jetzt „diese Flüchtlinge, diese schmutzigen Galizianer" vorbeigehen, da fühlt man sich zwischen Tarok uud Naschi-Waschi so weit erhaben über diese „Polischen", die jakeine Bildung haben und keine Kultur, nicht einmal das Bedürfnis nach einem Kaffeehaus, und die so fanatisch-rückständig sind, daß sie sogar diesen Talmud da studieren ... — Neulich gelangte ein Hauch dieser Kaffeehausidylle in den Gerichtssaal. Wir lasen in der Tageszeitung von einer Verhandlung über die Klage des Herrn Jacques Schlesinger gegen Herrn Arpad Singer, weil er ihn beim Kartenspiel einen „Pferdedieb" genannt hatte. Aber „mit letzterem Ausdrucke", erklärte der Angeklagte, wollte er „nur andeuten, daß der Kläger beim Kartenspiel eine Moral an den Tag gelegt habe, wie solche Pferdedieben eigen ist". Der Verteidiger, Herr Dr. Florian Kozower, „beantragte, über die Bedeutung des Wortes „Pferdedieb" den Schauspieler Heinrich Eisenbach (den Hauptrepräsentanten der „Budapester") als Sachverständigen zu vernehmen". Und sein Wille geschah: „Der Richter gab dem Beweisantrage Folge und vertagte sohin die Verhandlung." So weit sind wir aus der Zeitung informiert. Aber dem israelitischen Zartgefühl des Reporters können wir schon was zutrauen; wer dieses Milieu und seine Ausdrucksweise kennt, sowie den ostjüdischen Gebrauch des beanstandeten Wortes, der denkt, man habe uns mit der ohrverletzenden Wahrheit verschont. Denn „Ferdsgannew" wird wohl das beleidigende Wort gelautet und im Gerichtssaal zu einer schönen Diskussion über jüdischjiddische Wortbedeutung Anlaß gegeben haben — was uns alles nicht mitgeteilt wurde. Und leicht verständlich ist es, daß der Berichterstatter dieses Wort wiederzugeben vermieden hat. Denn wahrhaft peinlich muß es sein, wenn ein Wiener Israelit, ein Kulturmensch, vielleicht sogar ein Mitglied des Monistenbundes, sicherlich aber ein Förderer der „Freien Schule", in den Krakauer Atavismus, aus dem er schon seit 33 Jahren verreist ist, zurückfällt und „so ä Wort redet" wie die Galizianer. 0, wir Galizianer, ein Volk ohne Kultur --sogar diese „vermaledeiten Serben, diese Hammeldiebe" — wie hat er nur geschrieben, der Dr. Dämmert, der Spezialkriegsberichterstatter („Nachdruck verboten") des ersten Wiener Intelligenzblattes, aus dem Hauptquartier der Armee Gallwitz: „Man unterschätzt dieses (das serbische) Volk. Reichtum ist hier keineswegs vereinzelt und.. . die Obstschätze des Landes haben eine vielseitige Marmeladenkultur entwickelt". Ach, wenn nur auch wir Juden des Ostens solche Obstschätze hätten! Dann wären auch wir eine Kulturnation, eine Marmeladenkulturnation, und andere Sachverständige als die „Budapester" wären in Judaicis kompetent. Abraham Schwadron Berichtigung. In Heft 7 ist auf S. 478, Z. 9 statt „tausendjährigen" zu lesen: „tausendsten", auf S. 501, 1. Spalte, Z. 3 nicht 60.542 sondern 88.788 und nicht 7.5 °/0 sondern 7.25 °/0. Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Max Mayer, Berlin W 15, Düsseldorfer Straße 23. — Für Österreich - Ungarn: Dr, M. Präger, Wien I, Rotenturmstraße 22. — Verlag von R. Löwit, Berlin und Wien. — Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig'

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