Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Jüdische Produktivität
- Date
- 1922-01-01
- Page
- 575 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen 575 urteilen, müßte man weder „Bein von seinem Beine", noch „Fleisch von seinem Fleische" sein, weder als Jude jüdisch affektioniert urteilen, noch je als Nichtjude zu bejahendem oder verneinendem Philo- oder Antijudentum genötigt worden sein. Das menschliche Wissen ist eben durch das Gefühlsmäßige immer mitbestimmt, beim Objektivierungsstreben erst recht, nämlich durch die Hervorhebung der Kehrseiten und Gegensätze.' Aber wir sind weder selbst objektivierungssüchtig genug, um über obige Frage zu schweigen, noch vertrauen wir der Mehrheit der Wissenschaftler, als ob deren Forschungsresultate Anspruch auf unbedingte Geltung hätten. Vielmehr wollten wir gerne die müßigen Auseinandersetzungen hierüber endlich einmal abtun und dem produktiven Leben freie Unbekümmertheit verschaffen. Dies sei unsere einzige Tendenz. Über die jüdische Produktivität herrschen in der Tat die widersprechendsten Ansichten und Folgerungen. Die letzteren sind gefährlich, sie gehen in die Politik über und behindern das jüdische Leben.*) Die widersprechenden Ansichten über das Schaffen des Judentums umfassen drei Gefiiete vor allem: die Originalität, das Werturteil und die Frage nach der Nützlichkeit (Schädlichkeit!) des jüdischen Schaffens. Die Grundfrage jedoch für alle Beurteilung, nämlich die nach dem Wesen unseres Schaffens, wird sehr selten um ihrer selbst willen behandelt. Vielmehr interessiert die Tendenzforschung erstlich die Frage nach der Originalität vor der Frage nach dem Wesen, und mit der Verneinung der Originalität will man das Wesen verneinen. Was von der Kritik übrig gelassen wird, ist wesenlos. — Das Werturteil ferner dient der höchsteigenen Bewertung in der Weise, daß ein offenbar unfehlbar gewolltes Sinken des jüdischen Wertes den Eigenwert erhöht. Dies gilt insbesondere von der Christologie, der unterschiedlichen orientalischen Philologie (Bibel-Babel usw.), aber auch jüdische Einseitigkeiten sind hievon nicht freizusprechen, *) Man glaube ja nicht, daß beispielsweise die Erforschung der hebräischen Sprache durch Nichtjuden eine rein wissenschaftliche oder religiöse Angelegenheit, kein Politikum sei. Es lassen sich im Gegenteil aus der Geschichte des europäischen Schulwesens Jahr und Tag nachweisen, an denen etwa der christliche Humanismus sich rait „Hebräisch" gehörig auseinandersetzte, sehr zum Schaden des jüdischen Lebens. wo oft „reiner" Monotheismus als „Weltanschauung^ gegen die Mystik, religiöse gegen nationale Geschichtsbetrachtung Werturteile zu fällen suchen. — Das Nützlichkeits- (Schädlichkeits-)urteil schließlich ist von einer berechnenden Außenwelt oder von einem ängstlichen Halbjudentum verursacht. Es ist das beschämendste Zeichen unserer Unfreiheit und w,ird mit Unbekümmertheit in Wissenschaft und Tagespresse breitgetreten. Man verschone uns vor allem damit, man. versuche doch einmal das aufrichtige Eingeständnis, daß man unseres Lebens zu allen Zeiten recht sehr bedurft hat, und sei also unbekümmert um die Zukunft, die wir eben selbständig mitbestimmen. Diese Feststellung tut vor allem not, daß wir kein Mischungselement, kein Ferment sind. Nur die Liebedienerei, die Angst nach friedlichem Auskommen auf beiden Seiten will uns hiezu degradieren. Drum ist die Frage nach dem Wesen des jüdischen Schaffens die Frage lebendigen Judentums, des bestimmenden und m it bestimmenden ökonomisch en, gesellschaftlichen und geistigen Lebens der Juden. Ihre Antwort kann nur allmählich durch Lebensbejahung, sei sie religiös-national oder anderswie, gegeben werden, mit ihren mannigfachen Lebensäußerungen. Wir betonen nicht das Selbstverständliche jüdischen Lebens, es ist uns nur eben anspruchsberechtigte Voraussetzung für alles Schaffen. Henoch Glanz-Sohar Von der Kultur der „Budapester" Nicht von der Budapester Kultur. Nicht von Pest bei Buda-Ofen, sondern von jener Pest, die weiter als bei Budapest beginnt und bei den Wiener „Budapestern"*) noch nicht endet.--Doch wer über diese Schauspieler- Sänger schimpfte, der zielte falsch. Diese Darsteller sind immer noch wertvoller als die von ihnen Dargestellten. Sagte einer: Dieser Spiegel ist unrein, so vergesse er nicht: die Gespiegelten sind's noch mehr. Nicht auf dem *) Die „Budapester" (Budapester Orpheums- Gesellschaft) haben das Prototyp des Rauchtheaters von der Art des Berliner Herrenfeld- Theaters geschaffen, bei dem die Darsteller und Dargestellten, von bedeutungslosen Nebenfiguren abgesehen, ausschließlich Juden sind. Ein Extrem ganz unkünstlerischer Zote, welche keine anderen Grenzen kennt als die von der Polizei gezogenen, sowie ein westjüdischer Jargon sind für sie charakteristisch.