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Der Jude · 1922-01-01 · Heft 8 · p. 566

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 8
Article
Zwei Geschichten vom Rishiner
Date
1922-01-01
Page
566 (sequence 2)
Language
German
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566 Eine chassidische Predigt Deutsch von Martin Buber zu begegnen, doch fand er ihn nicht mehr. Man erzählte ihm die Rede Rabbi Israels. Da erglühte sein Angesicht und er sprach: „Wahrlich, aus Ziegeln sollte das Dach sein, das Herz des Mannes, das über der Gemeinde wacht: von all ihrem Leid erschüttert, daß es in jedem Augenblick zu zerbrechen droht, und doch ausharrend; aber es ist aus Eisenblech." EINE CHASSIDISCHE PREDIGT (Rede des „Gerers", Rabbi Jizchak Meir, am Vorabend des Versöhnungstags) Unser Lehrer Hillel spricht: „Wenn nicht ich für mich bin, wer ist für mich?" Wenn ich nicht meinen Dienst tue, wer wird ihn für mich tun? Jeder muß seinen Dienst selber vollbringen. Und weiter spricht er: „Und wenn nicht jetzt, wann denn?" Wann wird das Jetzt sein? Das jetzige Jetzt, der Augenblick, in dem wir reden, war doch von der Erschaffung der Welt an nicht, und es wird nie wieder sein. Früher war ein anderes Jetzt, später wird ein anderes Jetzt sein, und jedes Jetzt hat seinen eignen Dienst; wie es im heiligen Sohar heißt: „Die Gewänder des Morgens sind nicht die Gewänder des Abends". Man mühe sich um die Lehre mit allen Kräften, so wird man der Lehre verbunden — aber sechzig Myriaden sind der Lettern in der Thora und'von sechzig Myriaden Seelen Israels redet die Thora: so wird man der Gemeinschaft verschwägert Und wenn man sich in die Gemeinschaft tut, empfängt man von der Gemeinschaft; man empfängt von der Gemeinschaft noch mehr, als man in sie tut. So erhält man zu seinem Jetzt noch von dem Jetzt des Andern, von dem Guten, das er in diesem Jetzt vollbringt. Und wieder spricht unser Lehrer Hillel: „Wenn ich für mich allein bin, was bin ich?" Sollteich, was Gott verhüte, von der Gemeinschaft abgetrennt sein, wann werde ich mein Jetzt gutmachen können? Man kann dieses Jetzt von keinem anderen Jetzt gutmachen lassen, denn jeder Augenblick ist in einem besonderen Lichte eingeschränkt Und wer ein Übel, das er getan hat, beredet und besinnt, der denkt doch das Gemeine, das er tat, und was man denkt, darin liegt man, mit der Seele liegt man ganz und gar darin, was man denkt — so liegt er doch in der Gemeinheit: der wird gewiß nicht umkehren können, denn sein Geist wird grob und sein Herz stockig werden, und es mag auch noch die Schwermut über ihn kommen. Was willst du? Rühr her den Kot, rühr hin den Kot, bleibt's doch immer Kot. Ja gesündigt, nicht gesündigt, was hat man im Himmel davon? In der Zeit, wo ich darüber grüble, kann ich doch Perlen reihen dem Himmel zur Freude. Darum heißt es: „Weiche vom Bösen und tue das Gute" — wende dich von dem Bösen ganz weg, sinne ihm nicht nach und tue das Gute. Unrechtes hast du getan? tue Rechtes ihm entgegen. Darum soll man heute, vorm Tage der Versöhnung, fühlen Verlassen der Sünde und Festigung des Gemüts, und das aus der Tiefe des Herzens und nicht durch gewaltsame Verzückung, und es mit dem Herzen empfangen für alle Zukunft, und fröhlich sein, und das Sündenbekenntnis heruntersagen, so schnell man kann, nicht verweilen darin, aber verweilen soll man in dem Wort: „Und regieren wirst du, Ewiger, allein". Deutsch von Martin Buber

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