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Der Jude · 1922-01-01 · Heft 8 · p. 565

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 8
Article
Zwei Tiergeschichten
Date
1922-01-01
Page
565 (sequence 7)
Language
German
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Martin Buber: Zwei Geschichten vom Rishiner 565 vielleicht gar nichts, ist aber insofern doch etwas, als es mir aus dem Käfig half und mir diesen besonderen Ausweg, diesen Menschenausweg verschaffte. Es gibt eine ausgezeichnete deutsche Redensart: sich in die Büsche schlagen; das habe ich getan: ich habe mich in die Büsche geschlagen. Ich hatte keinen anderen Weg, immer vorausgesetzt, daß nicht die Freiheit zu wählen war. Überblicke ich meine Entwicklung und ihr bisheriges Ziel, so klage ich weder, noch bin ich zufrieden. Die Hände in den Hosentaschen, die Weinflasche auf dem Tisch, liege ich halb, halb sitze ich im Schaukelstuhl und schaue aus dem Fenster. Kommt Besuch, empfange ich ihn, wie es sich gebührt. Mein Impresario sitzt im Vorzimmer; läute ich, kommt er und hört, was ich zu sagen habe. Am Abend ist fast immer Vorstellung, und ich habe wohl kaum mehr zu steigernde Erfolge. Komme ich spät nachts von Banketten, aus wissenschaftlichen Gesellschaften, aus gemütlichem Beisammensein nach Hause, erwartet mich eine kleine halbdressierte Schimpansin, und ich lasse es mir nach Affenart bei ihr wohlgehen. Bei Tag will ich sie nicht sehen; sie hat nämlich den Irrsinn des verwirrten dressierten Tieres im Blick; das erkenne nur ich, und ich kann es nicht ertragen. Im ganzen habe ich jedenfalls erreicht, was ich erreichen wollte. Man sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen. Im übrigen will ich keines Menschen Urteil; ich will nur Kenntnisse verbreiten; ich berichte nur; auch Ihnen, hohe Herren von der Akademie, habe ich nur berichtet. ZWEI GESCHICHTEN VOM RISHINER Am Tag des Neuen Jahres Der Rabbi von Sawran war einst beim Rishiner. Da fragte ihn dieser: „Sawraner Rabbi, was tut Ihr am Tage des Neuen Jahres, wenn eine große Gemeinde um Euch ist — wie könnt Ihr sie da wahrhaft umschließen?" Der Rabbi von Sawran antwortete: „Ich umfasse sie alle mit einem Blick/' Nach einer Weile fragte er: „Und Ihr, was tut Ihr, wenn eine große Gemeinde um Euch ist?" — „Alle Seelen von Israel", sprach der Rishiner, „sind im Herzen des Zaddiks eingewurzelt. Daher, wenn der Zaddik betet und sein Herz vor Gott ausschüttet wie Wasser, legt er auch die ganze Gemeinde vor das Gedenken Gottes hin." Das Dach Der Lemberger Rabbiner Jakob Orenstein war ein Gegner der Chassidim. Darum meinte er, als der Rishiner ihn einst besuchte, er werde ihm tiefsinnige Deutungen der Schrift vortragen, um ihm die Gelehrsamkeit der Chassidim zu erweisen. Der Rishiner aber fragte ihn: „Woraus sind die Dächer der Häuser in der Stadt Lemberg gemacht?" — „Aus Eisenblech", antwortete jener. — „Und weshalb gerade aus Eisenblech?" — „Um gegen eine Feuersbrunst geschützt zu sein." — „Dann könnten sie ja auch aus Ziegeln sein", sagte Rabbi Israel und nahm Abschied. Als er gegangen war, lachte der Rabbiner und rief: „Und das ist der Mann, dem die Scharen zulaufen!" Nach etlichen Tagen kam Rabbi Meir von Przemyslany nach Lemberg, um seinem Freund, dem Rishiner

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