Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Die Zahl der Juden in früheren Jahrhunderten
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 504 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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504 Daten und Materialien einzelten Städten Österreichs (Wr. Neustadt, Krems, Wien, wo seit der Vertreibung von 1421 bis 1540 das Bestehen auch nur einer kleinen Gemeinde nicht gesichert ist) werden die Juden schwerlich mehr als 60000; mit Hinzuziehung der ganzen Rheingegend, ferner Frankreichsund der Provence schwerlich mehr als 100000 Seelen ausgemacht haben. In Sizilien rechnete man vor der Vertreibung von 1492 für Palermo und Syrakus je 5000 Seelen. Sollten auf dor ganzen Insel 30000 bis 40000 Juden gewohnt haben — eine verhältnismäßig sehr bedeutende Zahl, die man aber mit Rücksicht auf die den Juden gewährte Autonomie und die Erlaubnis zur Gründung einer Hochschule für wahrscheinlich halten kann —, so werden bei der Vertreibung sehr viele davon zum Katholizismus übergetreten sein. In ganz Italien und Nordafrika (einschließlich Ägypten) kann man Ende des 15. Jahrhunderts außer den spanischen Einwanderern nicht mehr als 100 000 Juden rechnen. Die türkischen Gemeinden sind erst durch die Einwanderung zur Bedeutung gelangt. Man kann für ganz Kleinasien schwerlich mehr als ebenfalls 100000 Seelen annehmen. Man kommt bei genauer Erwägung der in der Literatur vorhandenen Daten nicht weit über eine halbe Million für sämtliche Länder der alten Welt hinaus. Die neue war eben erst entdeckt. Wo sollen damals noch Juden gewesen sein? Auch die anderen von Ruppin angegebenen Zahlen für das Mittelalter sowie für das ausgehende Altertum sind durch gar keine rationellen Berechnungen oder Literaturzeugnisse fundiert. Erst auf Grund meiner Berechnung für das Jahr 1500 und des überraschend niedrigen Ergebnisses wird verständlich, warum in den kleinen zerstreuten Gruppen nur das Gefühl der Religionsgemeinschaft stark bleiben konnte. Volksmassen als Trägerinnen einer eigenen wirtschaftlichen Kraft, erfüllt von Selbstvertrauen und Drang, die materielle Lage der Gesamtheit zu verbessern, gab es nirgends; nur kleine, sich unsicher fühlende Gruppen, die mit dem primitiven individuellen Selbsterhaltungstrieb ausgestattet waren. Ein kleiner Teil besaß daneben jenen Idealismus und religiösen Märtyrergeist, welcher den historischen Bestand des Volkes sicherte. Wie in meiner erwähnten Abhandlung dargelegt wird, sind auch die jetzt lebenden 12 oder 13 Millionen Juden nicht die Nachkommen aller 600000, die um das Jahr 1500 in der Welt waren, sondern jenes kleinen Bruchteils der Treuen und Unentwegten, während der Rest versickert und untergegangenen ist; ein Vorgang, der sich in ähnlicher Weise auch in denfolgenden Generationen wiederholt, aber von unseren pessimistischen Statistikern nicht beachtet wurde. Armand Kaminka Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Max Mayer, Berlin W 15, Düsseldorfer Straße 23. — Für Österreich - Ungarn: Dr. M. Präger, Wien I, Rotenturmstraße 22. — Verlag von R. Löwit, Berlin und Wien. — Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig.