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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 7 · p. 489

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 7
Article
Zwei Tiergeschichten
Date
1917-01-01
Page
489 (sequence 2)
Language
German
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Zwei Tiergeschichten 489 „Oh!" sagte ich wilder, als ich wollte, „sie werden sich wehren; sie werden mit ihren Flinten euch rudelweise niederschießen." „Du mißverstehst uns", sagte er, „nach Menschenart, die sich also auch im Norden nicht verliert. Wir, wir werden sie doch nicht töten. So viel Wasser hätte der Nil nicht, um uns rein zu waschen. Wir laufen doch schon vor dem bloßen Anblick ihres lebenden Leibes weg, in reinere Luft, in die Wüste, die deshalb unsere Heimat ist." Und alle Schakale ringsum, zu denen inzwischen noch viele von fernher gekommen waren, senkten die Köpfe zwischen die Vorderbeine und putzten sie mit den Pfoten; es war als wollten sie einen Widerwillen verbergen, der so schrecklich war, daß ich am liebsten mit einem hohen Sprung aus ihrem Kreis entflohen wäre. „Was beabsichtigt ihr also zutun?" fragte ich und wollte aufstehn; aber ich konnte nicht; zwei junge Tiere hatten sich mir hinten in Rock und Hemd festgebissen; ich mußte sitzen bleiben. „Sie halten deine Schleppe", sagte der alte Schakal erklärend und ernsthaft, „eine Ehrbezeigung". „Sie sollen mich loslassen!" rief ich, bald zum Alten, bald zu den Jungen gewendet. „Sie werden es natürlich", sagte der Alte, „wenn du es verfängst. Es dauert aber ein Weilchen, denn sie haben nach der Sitte zu tief sich eingebissen und müssen erst langsam die Gebisse voneinander lösen. Inzwischen höre unsere Bitte." „Euer Verhalten hat mich dafür nicht sehr empfänglich gemacht", sagte ich. „Laß uns unser Geschick nicht entgelten", sagte er und nahm jetzt zum erstenmal den Klageton seiner natürlichen Stimme zu Hilfe, „wir sind arme Tiere, wir haben nur das Gebiß; für alles, was wir tun wollen, das Gute und das Schlechte, bleibt uns einzig das Gebiß." „Was willst du also?" fragte ich, nur wenig besänftigt. „Herr", rief er, und alle Schakale heulten auf; in fernster Ferne schien es mir eine Melodie zu sein; „Herr, du sollst den Streit beenden, der die Welt entzweit. So wie du bist haben unsere Alten den beschrieben, der es tun wird. Frieden müssen wir haben von den Arabern; atembare Luft; gereinigt von ihnen den Ausblick rund am Horizont; kein Klagegeschrei eines Hammels, den der Araber absticht; ruhig soll alles Getier krepieren; ungestört soll es von uns leergetrunken und bis auf die Knochen gereinigt werden. Reinheit, nichts als Reinheit wollen wir", — und nun weinten, schluchzten alle — „wie erträgst nur du es in dieser Welt, du edles Herz und süßes Eingeweide? Schmutz ist ihr Weiß; Schmutz ist ihr Schwarz; ein Grauen ist ihr Bart; speien muß man beim Anblick ihrer Augenwinkel; und heben sie den Arm, tut sich in der Achselhöhle die Hölle auf. Darum, o Herr, darum, o teuerer Herr, mit Hilfe deiner alles vermögenden Hände, mit Hilfe deiner alles vermögenden Hände schneide ihnen mit dieser Schere die Hälse durch!" Und einem Ruck seines Kopfes folgend kam ein Schakal herbei, der an einem Eckzahn eine kleine, mit altem Rost bedeckte Nähschere trug. „Also endlich die Schere und damit Schluß!" rief der Araberführer unserer Karawane, der sich gegen den Wind an uns herangeschlichen hatte und nun seine riesige Peitsche schwang. Alles verlief sich eiligst; aber in einiger Entfernung blieben sie doch, eng zusammengekauert, die vielen Tiere, so eng und starr, daß es aussah wie eine schmale Hürde, von Irrlichtern umflogen.

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